Wien – Debatte

ProKontra

Pro / Kontra: Uni Zugangsbeschraenkungen

24. Juli 2010 • Debatte

PRO

Wer freie Bildung für alle mit freiem Unizugang gleichsetzt, irrt. Ist ersteres ein hehres Ideal und kann wohl von niemandem angefochten werden, ist der freie Unizugang dem eher hinderlich und muss heute wohl neu bewertet werden.

Bis zum Jahr 2012 werden uns zusätzlich 275.000 Studienanfänger an die Unis prognostiziert, im Extremfall befürchtet Bildungsministerin Karl bis dahin sogar eine Verdopplung der Zahl der StudienanfängerInnen. Letztes Jahr wollten beispielsweise 1.641 StudentInnen in Wien anfangen Publizistik und Kommunikationswissenschaften zu studieren – Auf fünf Professoren und drei Gastprofessoren kommen derzeit 6000 Studierende. Die DozentInnen können die schieren Massen an Studierenden natürlich nicht bewältigen – von produktiver wissenschaftlicher Arbeit keine Spur mehr. Seminararbeiten werden nur mehr überflogen und nicht anständig korrigiert, Diplomarbeiten nachlässig oder gar nicht betreut, der Lerneffekt ist gleich Null. Wer nun denkt, mit einer Heerschar von neuen ProfessorInnen könnte das in den Griff bekommen werden (abgesehen davon, dass es sich bei der Finanzierung um utopisches Wunschdenken handelt), denkt am Problem vorbei: sehr viele dieser StudentInnen sind nicht ernsthaft daran interessiert, zu studieren.

Hört man sich in den Proseminaren in den ersten Semestern um, wird oft als Studiengrund reine Unentschlossenheit, gruppendynamisches „Meine Freunde und ich dachten es wär eine Hetz gemeinsam XY zu studieren“ oder auch das Studium als verlängerter Arm der Ausbildungsphantasien der Eltern angegeben. Viele Studenten treffen ihre Studienfachauswahl erst am Inskriptionsschalter oder lassen sich von viel versprechenden Namen wie beispielsweise „Theater-, Film- und Medienwissenschaften“ leiten. Gerade in letzterem Fall werden oft praktische Erwartungen und Anforderungen evoziert, welche an der akademischen Realität vorbeigehen. Dies führt nicht nur zu Motivationsverlust bei den StudentInnen, welche sich über ihr Fach nicht informiert hatten (In Österreich haben im Jahr 2005 24 Prozent ihr Studium abgebrochen, im OECD-Schnitt waren es 31 Prozent, der Anteil der AkademikerInnen der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung liegt in Österreich konstant bei 18 Prozent (2007), das ist deutlich unter dem OECD-Schnitt von 27 Prozent), sondern auch bei den motivierteren Studierenden macht sich Frust breit: die von diesen dringend gebrauchten Seminarplätze werden von StudentInnenen blockiert, die die Veranstaltungen aus Mangel an Interesse womöglich sowieso nicht abschließen.

Die Lösung für das Problem liegt auf der Hand: faire Einstiegstests und Prüfungen über einen klar abgesteckten, vorgegebenen Stoffbereich, der gleichzeitig einen Überblick über die im Studium abgedeckten Themen bietet, sollten unentschlossene StudentInnen im Vorfeld, also vor Inskriptionsbeginn, dazu animieren sich mit den Forschungs- und Aufgabenfeldern einer Studienrichtung auseinanderzusetzen, so dass wirklich nur diejenigen studieren, die sich bewusst für eine Fachrichtung entschieden haben und bereit sind, den akademischen Anforderungen nachzukommen. So, dass die Uni auch das bleibt was sie sein soll: ein Forschungszentrum, ein Hort der Wissenschaft, ein Ort an dem gearbeitet wird und kein Platz für die schnelle Schnupperstunde zwischendurch. Dafür gibt’s öffentliche Bibliotheken.

KONTRA

Keine Zugangsbeschränkungen nirgends

Seit Jahren ist die Krise an den österreichischen Universitäten offensichtlich, mit Zugangsbeschränkungen und Aufnahmetests wird Krisenverwaltung betrieben, sonst nichts.

Das österreichische Bildungssystem krankt seit Jahrzehnten an einer Melange aus Unterfinanzierung, fehlender Chancengleichheit und dem völligen Fehlen jeglicher Vision.

Als die katastrophale Situation an den österreichischen Universitäten im vergangenen Jahr in den Unibrennt Protesten kumulierte, war plötzlich auch für eine breite Öffentlichkeit offensichtlich, dass es im österreichischen Universitätssystem an allen Ecken und Enden kracht. Seither wird von der Koalitionsregierung am Status Quo herumgedoktert, ohne die Probleme grundlegend anzupacken. In einem sich stets wiederholenden Kreis wird von SPÖ und ÖVP wahlweise dem freien Bildungszugang, der Abschaffung der Studiengebühren, oder der Unterfinanzierung der Universitäten, die Schuld an der Misere gegeben.

Mit der Ermöglichung einer Studieneingangsphase am Studienbeginn, wird ein Instrument geschaffen, um besonders in stark frequentierten Studienfächern die Anzahl der Studierenden zu reduzieren. Aus meiner Sicht ist das ein völlig verfehltes Konzept.

Aufnahmeprüfungen ändern mittelfristig nichts am Problem der österreichischen Universitäten. Sicher in einer ersten Phase werden sich viele, nachdem sie in einer Eingangsphase scheiterten und Lebenszeit sinnlos verloren haben, anderen Studien zuwenden. Wenn das Budget der Universitäten aber weiterhin nicht Schritt hält mit der Entwicklung der Studierendenzahlen, wird das Problem über kurz oder lang schlicht auf mehr verschiedene Fächer „umverteilt“. Dieselbe Überfüllungssituation wird dann, eher früher als später, eben in zunehmend mehr Fächern auftreten.

Studierende die ihr Studium mittels drop out verlassen sind teuer. Die Ermöglichung eines Studiums ist für eine Volkswirtschaft eine Investition die sich über spätere höhere Steuerleistungen der AbsolventInenn selbst finanzieren sollte. Drop Outs führen in aller Regel nicht zum selben Ergebnis. Außerdem verlieren junge Menschen Jahre ihres Lebens in Studien, in denen sie offenbar nicht erwünscht sind. Eingangsphasen und Zugangsbeschränkungen lassen Studierende mehr Zeit verlieren und erhöhen die drop out Quoten.

Zugangsbeschränkungen verstärken den Klassencharakter unseres Bildungssystems. Aufnahmetest und Eingangsphasen holen die StudienanfängerInnen am aktuellen Stand ihres Wissens ab. Nun ist es kein Geheimnis, dass das österreichische Bildungssystem durch frühe Selektion die Bildungschancen von Kindern aus ArbeiterInnen- und MigrantInnenhaushalten systematisch erschwert bzw. nahezu verunmöglicht. Aufnahmetests wie auch immer sie gestaltet werden, prüfen letztlich das kulturelle und fachspezifische Wissen der angehenden Studierenden, sowie ihr Lernvermögen ab. Da unser Bildungssystem zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Schichten keinen Ausgleich schafft, werden Studieneingangsphasen von Kindern aus AkademikerInennhaushalten leichter bewältigt werden, als von Kindern aus bildungsfernen Schichten. Der Klassencharakter des Bildungssystems wird durch weitere Barrieren verschärft.

Es ist eine Illusion anzunehmen, dass eine Momentaufnahme und nichts anderes ist letztlich eine Zugangsbeschränkung mittels Studieneingangsphase, Aufnahmetests oder Ähnlichem, irgendetwas anderes als eine Momentaufnahme sein könnte. Über die Studieneignung sagen sie, und auch das nur wenn man ihnen eine maximale Wirkung zugesteht, nichts anderes aus als das jemand momentan geeignet/ nicht geeignet für ein Studium ist. Wie sich das in weiterer Folge gestaltet, kann kein Test der Welt erahnen. Studieneingangsphasen sind nichts anderes als Spekulationen über zukünftige Eignung. Ebenso gut könnte man im Kaffeesud lesen, oder WahrsagerInnen befragen.

Ja, auch der Zugang zu Bildung ist letztlich beschränkt. Auch wenn es wünschenswert wäre, dass die Menschheit außer der geistigen Arbeit an immer neuen Erkenntnissen, durch kein anderes Makel der Arbeit mehr behelligt würde, erscheint dieser Zustand doch keinesfalls realistisch.

Zugangsbeschränkungen und Studieneingangsphasen sind nicht das was sie zu sein vorgeben. Sicher ist es sinnvoll Studierenden am Beginn ihres Studiums einen möglichst umfassenden Überblick über das, was sie im Zuge ihres Studiums erwartet zu vermitteln und abzuverlangen. Einzelne Studienrichtungen sind sicherlich gefordert schon von Anfang an zu vermitteln, dass auch in ihren Fachrichtungen zum Erreichen eines Abschlusses einiges an Arbeit notwendig ist. In diesem Zusammenhang spricht auch nichts gegen anspruchsvolle studienrelevante Prüfungen. Studierende denen bald klar wird, dass das Angebotene nicht entspricht, sollte ein einfacher Studienwechsel ermöglicht werden. Zugangsbeschränkungen wie wir sie teilweise als Studieneingangsphasen bereits kenne, haben damit aber rein gar nichts zu tun. In Prüfungen wird die Befähigung der Studierenden zum stupiden nicht hinterfragenden Auswendiglernen von Faktenwissen überprüft, mit dem klaren Ziel möglichst viele von ihnen rasch wieder loszuwerden.

In einer Welt beschränkter Ressourcen ist letztlich auch Bildung beschränkt. Eine Gesellschaft kann der Bevölkerung ein gewisses Quantum an Bildung garantieren, diese Garantie muss jedoch auch erwirtschaftet werden. Letztlich ist also auch der Zugang zu Bildung zeitlich, ressourcentechnisch und budgetär beschränkt. Die Grenzen des österreichischen Bildungssystems loten wir jedoch bei weitem nicht aus, vielmehr sind wir mit einer seit vielen Jahren andauernden Situation der Unterfinanzierung konfrontiert. Zugangsbeschränkungen sind eine billige Ausrede, um sich Investitionen in Bildung zu ersparen.

Es gibt einzelne Studienrichtungen, die wohl auch mit deutlich besser finanzierten Universitäten überlaufen wären. Zugangsbeschränkungen sind jedoch eine besonders unfaire Maßnahme, um hier eine Feinsteuerung zu erzielen. Es wird nämlich bewusst mit der Lebenszeit junger Menschen gespielt.

An welchen österreichischen Schulen findet eine ernsthafte Studienberatung statt, wo lernen angehende MaturantInnen das universitäre System von Innen kennen, wo wurden Mentoring Projekte in denen sich Lehrende und ältere Studierende um StudienanfängerInnen kümmern, umgesetzt? Zugangsbeschränkungen können wenn überhaupt nur die letzte Maßnahme sein, wenn alle anderen umgesetzt worden sind, ansonsten siehe billige Ausrede.

Zugangsbeschränkungen sind ein Angriff auf den freien Hochschulzugang: Wenn Konkurrenz ein immer bestimmenderes Element unserer Gesellschaft wird, tendieren Eltern, was individuell durchaus begründbar ist, dazu die Bildungschancen ihrer Kinder gegenüber anderen zu verbessern bzw. bestehende für andere dicht zu machen. Ein aktuell passendes Beispiel dafür ist der Hamburger Bildungentscheid. Zugangsbeschränkungen unterstützen Familien aus AkademikerInennhaushalten dabei, Kindern aus bildungsferneren Schichten den Zugang zu tertiärer Bildung zu erschweren. Das ist demokratiepolitisch äußerst bedenklich.

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