Kultur

Foto: Charles and Ray Eames, Clown Face, 1971  Eames Office, Courtesy Eames Office

Ohne Netz und doppelten Boden

7. Mai 2012 • Kultur1 Kommentar zu Ohne Netz und doppelten Boden

Artisten und Clowns, das sind laut Franz Schuhs Eröffnungsrede die beiden Menschentypen, auf denen nicht nur der Zirkus oder die Kunst, sondern überhaupt die gesamte Welt beruht – die Kunsthalle begreift den Zirkus in ihrer neuen Ausstellung allerdings nicht als Metapher für unsere Gesellschaft, sondern als „Parallelwelt“, die als krasser Gegenentwurf zu unserer funktioniert.

Der Zirkus funktioniert also nach seinen eigenen Gesetzen, genau das scheint auch Daniel Firmans Skulptur „Nasutamanus“ zu bestätigen, die den großen Ausstellungsraum dominiert: ein lebensgroßer Elefant, der scheinbar schwerelos mit seinem Rüssel an der Wand hängt – genau so wie bei den Hochseilartisten, die im Zirkus ebenfalls der Schwerkraft trotzen, gilt auch hier: no strings attached, ohne Netz und doppelten Boden.

Ridi, Pagliacci

Der Zirkus als übersteigerte Traumwelt, als ephemeres Spektakel und als Inbegriff von Aussteigertum: all das hat zahlreiche Künstler von Picasso bis Degas magisch angezogen, aber auch die zeitgenössische Kunst schöpft aus dem Motivreichtum der Manege: über vierzig verschiedene künstlerische Positionen zum Thema Zirkus versammelten die Kuratoren Gerald Matt und Verena Konrad also im großen Ausstellungsraum unter einem (Zelt)-Dach, und alle Themenbereiche der Zirkuswelt werden abgedeckt: Dressur, Artistik und die obligatorischen Clowns werden behandelt, die natürlich zentrale Figuren des Zirkus sind und deren scheitern in der Manege etwa Erwin Wurms neue One Minute Sculpture nachfühlen lässt.

Ebenfalls zum Lachen ist hingegen etwa Ulrike Oettingers eindringliche Komödie Freak Orlando, die sich allerdings mit der dunklen Seite des Zirkus’ auseinandersetzt: die Sideshows, deren Praxis des zur Schau stellen von körperlichen Absonderlichkeiten als Fratze der glamourösen Zirkuswelt gelesen werden kann, werden hier teils neu interpretiert.

Die Vielzahl der Künstler und Arbeiten und die großen Unterschiede in den Positionen und Bereichen lassen die Ausstellung zwar ein wenig zur Nummern-Revue verkommen und wirken eher nach Louis Knie als nach Cirque du Soleil, trotzdem lohn ein Besuch in der Parallelwelt. In diesem Sinn: Manege frei.  (rmd)

Parallelwelt Zirkus
Kunsthalle Wien
bis 2. September 2012

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Eine Antwort auf Ohne Netz und doppelten Boden – Verstecken

  1. b.b. sagt:

    "in diesem sinn: manege frei"
    ahja… klassisches orf-ende. exzellent!

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