Kultur

Grünschnabel

Monica Cantieni – Grünschnabel

23. Mai 2013 • Kultur

Mein Vater hat mich für 365.- Franken von der Stadt gekauft. Sie hatten mich schon zur Probe gehabt wie später die Couchgarnitur mit dem gelben Plüschbezug, an der sie fast so lange abzahlten wie an mir.

Ein Sprichwort sagt, seine Freunde kann man sich aussuchen, die Familie jedoch nicht. In diese wird man im Normalfall hineingeboren. Oder hineingekauft, wie im Fall des namenlosen Mädchens, das sich nach dessen Adoption im Schweizer Immigrantenmilieu der 1970er Jahre wiederfindet und auf die lange Entdeckungsreise geht, die wir erwachsen werden nennen. Begleitet wird sie dabei von den unterschiedlichsten Charakteren: Einer davon ist ihre neue Mutter, die mit dem Leben nicht zurecht kommt und sich Tagträumen ihres eigenen Begräbnisses hingibt. Auf der Gästeliste stehen Clark Gable und Cary Grant, die extra aus Hollywood anreisen, um der Mutter die letzte Ehre zu erweisen. In ihrer Fantasie kommt ihr die Aufmerksamkeit zuteil, die sie zu Lebzeiten nicht bekommen hat.

– Bleiben die Toten für immer hier liegen?
– Nein. Sie werfen sie weg. Nach fünfundzwanzig Jahren.
– Warum?
– Aus Platzgründen.
– Werf ich dich auch weg, wenn du fünfundzwanzig Jahre tot bist?
– Der Gärtner machts.
– Und dann?
– Dann bleibt die Erinnerung.
– Kann man die auch wegwerfen?
– Nicht wirklich.
– Kanns der Gärtner?
– Der auch nicht.

Die Ordnung der Welt

Schon Goethe brandmarkte sein Gretchen durch ihr Faible für das gedruckte Wort als denkende und damit entgegen ihrer gesellschaftlichen Rolle agierende junge Dame. Grünschnabel, wie die junge Protagonistin des Buches gerufen wird, liest und entdeckt ihre neue Welt ebenso durch das Sammeln neuer Wörter, die sie sich aufschreiben lässt und die sie mit penibler Sorgfalt zu passenden Überbegriffen sortiert, um sie anschließend in einer Unzahl an Schachteln und Kartons zu verstauen. Sie legt ihre Welt in Behältnissen ab, um deren Komplexitäten und Ungerechtigkeiten ertragen zu können, so wie wir alle das im Geiste machen, aber sie tut es tatsächlich. Abstimmung, Demokratie, Politik kommen in eine Schachtel. Gemeinsam mit Überfremdung, das ist dieser unfassbare Begriff, um den sich in dem Buch und in der Schweiz damals alles zu drehen scheint.

Freiheit durch Überfremdung

Der Roman spielt vor dem geschichtlichen Hintergrund der (schlussendlich knapp gescheiterten) Schwarzenbach-Initiative, die in den 1970er Jahren gegen die angebliche Überfremdung der Schweiz antrat und in deren Namen fast eine halbe Million Gastarbeiter abgeschoben werden sollten. Im Immigrantenumfeld der Romanfamilie wird das freilich nicht bejubelt, der Vater zerstört aus Wut darüber manchmal das Familienradio:

Was ist das für ein Land, in dem Leute jenen zuklatschen, die mit Meinungen zündeln, denen außer Feuer im Dach nichts heilig ist und die dabei auch noch die Frechheit haben, das unsere Freiheit zu nennen?

Doch selbst innerhalb der Familie ist man gespalten, denn die Mutter stimmt für die Abschiebung und gegen die Überfremdung, vielleicht wegen der Orangen, die in ihrer Wohnung vergessen vor sich hin faulen. Zur Erinnerung: Diese Geschichte spielt nicht in der Gegenwart, auch nicht in Österreich, sondern vor vierzig Jahren ein Land weiter. Die adoptierte Tochter wird in der Zwischenzeit immer mehr zum Sonderling: Sie ist kleinwüchsig, Waise, sammelt Wörter, liest gerne und schlägt eine Klassenkameradin ins Koma, weil diese sie als Waisenhausgöre beschimpft.

Hausaufgaben

“Meine Ferien am Meer” und “Mutter und Vater”. Ihr habt die Wahl. Wer noch nie am Meer war, schreibt über Mutter und Vater, die hat schließlich jeder.

Ein Schulaufsatz als unlösbare Aufgabe, denn das Meer kennst das ahnungslose Mädchen genausowenig wie Mutter und Vater. Zum Glück gibt es die jugoslawische Friseuse Madame Jelisaweta, die ihr zumindest von ersterem erzählen kann. Zurück daheim und immer noch ratlos, was dieses “Meer” denn nun sein soll, taucht der junge Grünschnabel dann zur weiteren Recherche angekleidet und von einem Schwimmreifen getragen in einer Badewanne voll Salz durch einen Sturm ihrer Fantasie, träumt von Wellenbergen, Seesteren und Seeigeln. Das kommt auch alles in eine Schachtel.

Warten auf nichts

Auch der Spanier Eli hat große Angst vor der Überfremdung, dieser verlixte Begriff, der nicht in seiner Schachtel bleiben will, sondern immer wieder in das Leben der Immigranten eindringt und sie in einem konstanten Zustand der Angst und Lähmung gefangen hält und lähmt.

– Worüber denkst du nach?
– Ich denke nicht nach.
– Und was machst du?
– Ich warte.
– Worauf?
– Dass nichts passiert.

Nicht nur österreichische Innenministerinnen können Kinder abschieben, auch die Schweizer haben das zusammengebracht. Aus diesem Grund muss die junge Italienerin Milena in einem Schrank mit eingebauter Lampe leben. Wieso das so ist, übersteigt das Fassungsvermögen Grünschnabels und auch ihre Schachteln helfen da nicht weiter. Überfremdung und Illegalität sind zwei Begriffe, die ihr die Geschichte zu erklären versucht. Doch wie soll man einem unschuldigen Kind etwas derart Sinnloses und Menschenwidriges beibringen?

– Bist du aus dem Ausland?
Sie schüttelte heftig den Kopf.
– Und von wo kommst du dann?
– Von zu Hause.

Auslaufende Uhrwerke

Monica Cantieni gelingt es in bemerkenswerter Weise, den ihrer kindlichen Erzählstimme inneliegenden Gefahren einer banalen oder kitschigen Erzählung auszuweichen. Die Schweizer Autorin fängt stattdessen die Tristesse tropfender Wasserhähne, schimmelnder Orangen und noch lebendiger Lichtstrahlen einer schon toten Sonne in einer nüchtern schönen und von der kindlichen Unschuld ihrer jungen Erzählerin geprägten Stimme ein. Gekonnt baut sie die Geschichte zusammen, genau wie ihre Protagonistin immer neue Wörter ansammelt reiht Monica Cantieni diese aneinander und steigert die Verzweiflung und Ausweglosigkeit ihrer Charaktere weiter und weiter – bis es einen erwischt: Das Buch kulminiert im Tod des alten grantigen Großvaters, der in seinen letzten Stunden Frieden mit seinem Sohn, dem Adoptivvater Grünschnabels, schließt und dessen hunderte in seinem Haus verteilte Uhren eine nach der anderen stehen bleiben, bis auch das Herz des alten Mannes schließlich aufhört zu schlagen und er seine letzte Reise antritt, die zu einem Ort namens “Jordan” gehen soll. Doch wo das liegen soll findet Grünschnabel nie heraus.

Milena sagt, dass sie den Himmel auswendig lernt, die Sterne und alles, damit sie sich ohne Probleme zurechtfindet, wenn sie dann mal hinmuss…

Monica Cantieni – Grünschnabel

Foto (c) Monica Cantieni
Andreas Rainer

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