Kultur

FRANZ GRAF - EGG ON S 3 FINAL © VBK Wien, 2011

Melancholie und Provokation. Das Egon Schiele-Projekt

1. Oktober 2011 • Kultur

Die aktuelle Ausstellung im Leopold Museum setzt Arbeiten Egon Schieles in zeitgenössischen Kontext. Ein Wagnis mit überzeugendem Ergebnis.

Verrenkte, androgyne und nackte Körper – so kennt man Egon Schieles Arbeiten, die aufgrund ihrer schonungslosen und provokanten Darstellung in den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts zum Skandal wurden. Seither hat sich viel getan: Schiele ist zum Vorzeigekünstler unter den österreichischen Expressionisten avanciert, seine Akte und Landschaftsbilder in aller Welt berühmt. Bisher tausendmal präsentiert, hat man sie schon tausendmal gesehen und ist deswegen schon regelrecht „blind“ – ist doch das erste, was die BesucherInnen des MQ vom Seiteneingang eintretend erblicken, die Vagina einer von Schiele gemalten nackten Frau, wie die Künstlerin und Kuratorin Claudia Bosse in einem Gespräch mit dem ORF augenzwinkernd anmerkt.

Das Egon Schiele-Projekt …

Nun hat das Leopold Museum, die weltweit größte Sammlung von Arbeiten Egon Schieles, erneut eine Ausstellung über den früh verstorbenen Kunststar organisiert. Und es lohnt sich diese zu besuchen. Denn Egon Schiele wird nicht, wie so oft, als Einzelperson und auch nicht zusammen mit WeggefährtInnen präsentiert, sondern in einen neuen, zeitgenössischen Kontext gesetzt. Ein Wagnis, das überraschend gut funktioniert.

Unter dem Titel „Melancholie und Provokation“ subsumiert die Ausstellung die Arbeiten aus dem Frühwerk des Künstlers. Im ersten Raum ist daher auch die Hängung der ersten Einzelausstellung Schieles aus dem Jahr 1911 im Kunstsalon Miethke nachgestellt: Aktdarstellungen, die durch ihre farbig akzentuierten erogenen Zonen, drastischen Körperproportionen und eckigen Posen radikal erscheinen, denen gleichzeitig aber auch eine tiefe Melancholie und Schwermut inhärent ist.

kontextualisiert Arbeiten Schieles mit jenen der Wiener Aktionisten

Davon ausgehend werden in einer Art Kunstparcours sechs ausgewählte zeitgenössische Positionen präsentiert. In der Gegenüberstellung verdichten sich einige Aspekte, werden werkimmanente Aspekte als Parallelen deutlich gemacht oder fordern einen spannenden Dialog heraus. Dies funktioniert äußerst gut bei dem, wie Schiele, früh verstorbenen Wiener Aktionisten Rudolf Schwarzkogler, dessen krasse Körperbilder in der Tradition Schieles zu stehen scheinen. Manches Mal erscheinen sie beinahe als Kopien, etwa wenn Schieles „Männlicher Akt mit langem Arm“ (1910) einer Fotografie der 3. Aktion von 1965 oder Günther Brus Selbstverstümmelungs-Aktion aus dem gleichen Jahr gegenübergestellt ist.

… über Elke Krystufek und Franz Graf

Mit Elke Krystufek und Franz Graf integriert die Ausstellung zwei der bedeutendsten zeitgenössischen KünstlerInnen Österreichs. Während sich Krystufek in ihren großformatigen Männerbildern mit einem feministischen Zugang zur Sexualität beschäftigt, lassen sich umgekehrt Franz Grafs Malereien auf Schieles Mädchendarstellungen beziehen.

… zu Claudia Bosse und Philipp Gehmann

Den gewohnten Blick auf Schieles Arbeiten neu zu schärfen versucht die deutsche Künstlerin Claudia Bosse mit ihrer raumgreifenden Installation. Das Obsessive und Zwanghafte, das dem Künstler Schiele immer wieder attestiert wird, ist in ihrer Arbeit zentral. Mit Schaumstoffwänden, Glaszellen und Betten aus Schaumgummi, kreiert Bosse ein visuelles Chaos. Beschreibungen von einzelnen Arbeiten Schieles, die die Künstlerin im Vorfeld auf Tonband aufgezeichnet hatte, verdichtet sie zu einer Soundinstallation, das die kreative Vorstellung, aber auch das Gefühl des Obsessiven auf den Betrachter überträgt. Das visuelle und akustische Erleben wird gewissermaßen zum performativen Akt des Publikums.

Die letzte Station führt vom Chaos in den minimalistischen Grauraum des Choreografen Phillipp Gehmacher. Seine auf Video festgehaltenen Bewegungen und Posen sind aus der Beschäftigung mit Schiele entstanden, beziehungsweise setzen die malerisch festgehaltenen Posen performativ um. Eine Arbeit zeigt Gehmacher mit dem Wiener Künstler Jack Hauser, eine andere mit der Tänzerin An Kaler.

Gelungene Gegenüberstellung

Mit dem Abschluss des „Kunstparcours“ hat man das Gefühl, dank der neuen Generation an KünstlerInnen wieder etwas neues über den berühmten Künstler Egon Schiele gelernt zu haben. Prädikat: wertvoll! (Barbara Pflanzner)

Melancholie und Provokation. Das Egon Schiele-Projekt
Leopold Museum
bis 30.11 2012
Eintritt € 11,00 / € 7,00
Leopoldmuseum link

, , , , , , , , ,

Leopold Museum

Museumsplatz 1
1070 Wien
01 525 70 0
http://www.leopoldmuseum.org

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »