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Ludwig Hirsch ist tot.

Ludwig Hirsch ist tot. Ein Nachruf.

25. November 2011 • Kultur5 Kommentare zu Ludwig Hirsch ist tot. Ein Nachruf.

Liedermacher Ludwig Hirsch hat sich das Leben genommen. Ein Nachruf.

Komm, großer schwarzer Vogel.

Meine erste Erinnerung an Ludwig Hirsch stammt aus der Unterstufe im Gymnasium. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Kontext erinnern, jedenfalls behandelten wir in der Deutschstunde einige Liedtexte – unter anderem auch „Komm großer schwarzer Vogel“, ein tiefschwarzes Lied übers Sterben, voller Todessehnsucht.

Komm grosser schwarzer Vogel, komm jetzt!
Schau, das Fenster ist weit offen,
schau, ich hab Dir Zucker auf’s Fensterbrett g’straht.
Komm grosser schwarzer Vogel, komm zu mir!
Spann‘ Deine weiten, sanften Fluegel aus
und leg s‘ auf meine Fieberaugen!
Bitte, hol mich weg von da!

Und dieses Lied voller Sehnsucht nach dem Sterben, nach dem "erlöst werden", nach dem in den Himmel kommen, das hat seit heute Morgen einen noch schwärzeren, traurigeren, realen Kontext. Ludwig Hirsch hat sich selbst das Leben genommen, ist aus dem Fenster eines Wiener Spitals gesprungen, jenes Spital, wo er wegen Lungenkrebs in Behandlung war.

Vom Geschichten erzählen.

Es gäbe noch einiges, was er außerhalb der Musik tun wolle, erzählte Ludwig Hirsch unlängst, und so sei die nächste Konzerttournee vielleicht die letzte des Liedermachers. Vielleicht noch ein Album, das letzte, „In Ewigkeit Damen“, lag ja auch bereits ein paar Jahre zurück. Dann aber andere Türen öffnen, andere Gebiete beackern, Theater, Schreiben.

Ludwig Hirsch war ein Geschichtenerzähler, ein nachdenklicher, oft düsterer, aber auch ein humorvoller. Oder ein romantischer, wie bei „Gell, du magst mi“. Mit letzterem war er 1983 auf Platz 1 in den Charts, die damals wohl noch Hitparade hießen. Ein scharfsinniger Beobachter, einer der Lyriker in der österreichischen Liedermacherszene. Und seine Lieder auch immer irgendwo mit dunkelgrauem Timbre. Textlich immer ein bisschen ausufernd, mehr Geschichte als Popsong. Von den Nachtgespenstern und von Gulda, der reinkommt, auf seinen Wimpern Chopin spielt und somit die Gespenster vertreibt. Vom Teufel und der Bosheit der Menschen, von Pleiten und Generälen, vom Sternderl schauen und vom Herrn Haslinger.  Mal durchaus in den Rahmen eines Popsongs passend, oft prosaisch, oft in Gedichtform. Hauptsache Geschichten erzählen.

An Euch.

Ludwig Hirsch wurde 65 Jahre alt. Und weil Nachrufe selten ohne Textzitate auskommen, und weil die Erlösungssehnsucht von "Großer Schwarzer Vogel" als Abschluss zu offensichtlich und "I Lieg am Ruckn" gar makaber wäre, sei hiermit an "An Euch" erinnert.

Und wenn ich einmal genug hab‘
und mir die Zähnd mit einer Black und Decker putz‘
und mir Piranhas in’s Fußbad einehau,
merkt’s Euch, liebe Leut‘, ich kann gehen, wann und wie ich will,
das geht Euch überhaupt nix an.

In Erinnerung an Ludwig Hirsch, 1946-2011.

(Markus Brandstetter)

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5 Antworten auf Ludwig Hirsch ist tot. Ein Nachruf. – Verstecken

  1. Staler sagt:

    RIP
    War ein ganz großer der wiener Liedermacherszene.

  2. jack fate sagt:

    danke, markus!
    perfektes zitat am schluss.
    und natürlich: danke, ludwig hirsch!

  3. Matthias sagt:

    Farewell!
    Ludwig Hirsch hat mich mit seinen Texten schon in meiner Volksschulzeit berührt und tut es heute noch. Das hat kein anderer Musiker geschafft!

  4. finisoperis sagt:

    Korrektur
    Sehr geehrter Hr. Brandstetter, daß es sich bei dem Lied "Der Dorftrottel" um ein humorvolles handeln soll, wage ich zu bezweifeln!

    *bluesatsunrise*

  5. brandstetter sagt:

    @finisoperis
    Danke, da haben Sie natürlich völlig recht, da ist mir beim Schreiben ein Fehler reingerutscht, natürlich ist der Dorftrottel nicht lustig! Danke fürs Aufmerksammachen!

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