Kultur

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Lucian Freud. Der Maler des Fleisches

20. Juli 2013 • Kultur

Zeit seines Lebens lehnte Lucian Freud, Enkel von Sigmund Freud und weltberühmter Maler, es kategorisch ab, in Deutschland oder in Österreich auszustellen. Im Oktober werden Ausgewählte Werke erstmals im Kunsthistorischen Museum gezeigt.

Seine Portraits gehen an die Grenzen des Ertragbaren. Die Modelle sind zumeist nackt abgebildet, nicht um verführerisch zu sein, sondern um das „Innerste“ der Persönlichkeit freizulegen. Die Arbeiten sind von einem Realismus, der für eine Zeit, in der die Abstraktion gerade ihren Siegeszug antrat, ungewöhnlich ist. Meist sind es Freunde, Familienangehörige und Geliebte, in der Regel Laien, die in teils monatelangen Sessions Portrait sitzen. Auch Portraits solcher Berühmtheiten wie der Queen, Jerry Hall und Kate Moss sind in seinen Oeuvre zu finden, wenn sie auch eher die Ausnahme bilden. Das Portrait von Queen Elisabeth II, deren Gesicht zerfurcht und mit beinahe männlich-herben Gesichtszügen gemalt ist, wurde zu einem kleinen nationalen Skandal.

Körper, die etwas zu erzählen haben
 
Doch nicht eine reine Abbildung der Portraitierten war das Ziel des Malers, vielmehr „Menschenbilder“, die in ihrer Drastik und Schonungslosigkeit erst einmal stocken lassen. Die Personen sind zumeist in extremen und teils unschmeichelhaften Posen dargestellt, ihre Körper weisen Cellulite, Dellen, Schuppen auf, Adern schimmern durch die Haut. Aber weder Schönheit noch Idealbilder stehen im Vordergrund, Freud geht es um psychologisch eindringliche Portraits, um das Innere und das Animalische. Die dargestellten Personen wirken dabei irgendwie schutzlos, verletzlich, sie blicken den Betrachter auch nicht an, sondern in der Regel an ihm vorbei, als wollten sie sich seinem sezierenden Blick entziehen.

Bereits in seiner frühen Schaffensphase legte Freud den Fokus auf das Portrait. Diese sind noch von dem Einfluss des Surrealismus geprägt: kühl und distanziert wirken sie, unpersönlich und auch irgendwie traurig. „The girl with leaves“ aus dem Jahr 1948 ist so ein Portrait, das den Betrachter merkwürdig irritiert zurücklässt. In den 60er Jahren ändert sich Freuds Stil. Die Farbenpalette wird kräftiger, der Pinselstrich pastoser und kompakter. „Ich möchte, dass die Farbe wie Fleisch wirkt“, sagte der Künstler einmal. 

Sein wohl berühmtestes Gemälde, das Portrait „Benefits Supervisor Sleeping“ aus dem Jahr 1995, fasst alle genannten Merkmale Lucian Freuds Kunst zusammen. Über vier volle Jahre ließ sich die Büroangestellte Susan Tilley, aufgrund ihrer Körperfülle kurz Big Sue genannt, von Freud portraitieren. Das schwergewichtige Modell bewies Mut – sie kannte Freuds überrealistische und überzeichnete Portraits – und wurde schließlich mit Erfolg belohnt: als erstes Portrait einer unbekleideten Frau schaffte es Big Sue auf das Cover der Financial Times. Im Mai 2008 wurde das Portrait schließlich im Rahmen einer Auktion von Christie’s in New York für 33,6 Millionen Dollar versteigert.

Emigration nach London

Lucian Freud wurde als Sohn von Ernst Ludwig Freud und dessen Frau Lucie am 8. Dezember 1922 in Berlin geboren. Er wuchs in einem kulturell stimulierenden Umfeld auf: sein Vater ist als Architekt erfolgreich, sein Großvater ist der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud. 1933 flüchtete die Familie vor dem aufkommenden Antisemitismus nach London. Auch Lucian interessierte sich früh für Kunst und Kultur: ab 1938 studierte er erst an der Central School of Art in London, anschließend an der East Anglian School of Painting and Drawing in Dedham/Essex, 1942/43 besuchte er zudem das Goldshmith College in London. Seine erste Einzelpräsentation hatte der junge Lucian Freud bereits im Jahr 1944 in der Lefevre Gallery in Mayfair, London. Nach ein paar Monaten in Frankreich und Griechenland kehrte er nach London zurück, wo er bis zu seinem Tod gelebt und gearbeitet hat. (Barbra Pflanzer)

Kunsthistorisches Museum



  • Kunsthistorisches Museum

Auf dem Dach des Kunsthistorischen Museums steht eine Statue der Pallas Athene, Göttin der Künste und Wissenschaften.

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