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Léon und Louise

16. Februar 2011 • Kultur, Literatur6 Kommentare zu Léon und Louise

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Die Geschichte beginnt eigentlich am Ende. Man schreibt den 16. April  1986. Die ganze Familie hat sich versammelt um Léon de Galle die letzte Ehre zu erweisen. Der richtige Zeitpunkt für den namenlosen Ich-Erzähler, einen Enkel Léons, dessen Lebens- und Liebesgeschichte zu erzählen.
Diese beginnt zum Ende des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1918 und dauert bis zu ebendiesem sonnigen Apriltag im Jahre 1986.  Als Leon und Louise sich kennen und lieben lernen ist er gerade siebzehn Jahre alt und sie sind beide im Arbeitseinsatz an der Heimatfront. Ihre erste Bekanntschaft ist nur kurz, aber einprägsam. So sehr, dass sie, als sich nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht, nach der sie durch einen Granatenangriff getrennt werden, nie aufhören an einander zu denken. Und als sie sich zehn Jahre später zufällig wieder begegnen noch die selbe Leidenschaft empfinden wie am letzten gemeinsamen Tag. Obwohl Léon inzwischen eine Ehefrau hat entspinnt sich unter stillschweigendem Einverständnis aller Beteiligten eine Beziehung die ein Leben lang währt.

Nur ein Leben

Alex Capus Roman "Léon und Louise" erzählt die Geschichte einer großen Liebe und vieler kleiner. Die Hauptfigur Léon Le Gall lernt seine Ehefrau, sein Leben und die Dinge darin auf eine gewisse Weise zu lieben, doch seine eigentliche Leidenschaft gehört einer Frau, mit der er nur wenige Tage wirklich zusammensein konnte. Diese wenigen Tage aber scheinen ihre Leben für immer verbunden zu haben. Über fast sieben Jahrzehnte hinweg erzählt Capus von dieser Verbundenheit.
Dabei schafft er es trotz der Gefühlsbetontheit seiner Geschichte trotzdem nicht ins sentimentale oder schwülstige abzugleiten. Trotz der Dramatik der Entwicklungen, die die frühe Trennung und das späte Wiedersehen mit sich bringen, lässt Capus seine Figur fast nüchtern erkennen, dass es keinen Sinn hat vor sich oder dem zu fliehen was man ist. "Ein neuer Anfang, aber ein neues Leben würde das nicht sein, sondern nur die Fortsetzung ihres bisherigen Lebens unter neuen Bedingungen. Es gab kein zweites Leben, sie hatten nur dieses eine. Das mochte auf den ersten Blick niederschmetternd erscheinen, auf den zweiten aber war es der größtmögliche Trost; denn es bedeutete, dass ihr bisheriges Leben nicht gleichgültig, sondern unabdingbare Voraussetzung gewesen war, für alles, was noch kommen würde."

Capus gewährt uns hier einen spannenden Einblick in das Leben eines Mannes, das von außen so zerrissen, so zweigeteilt scheint und bei näherer Betrachtung doch alle Gegensätze zu vereinen weiß. Sein Léon ist ein Mann dieser Gegensätze der charakterfest und loyal bis zum Schluss die bürgerlichen Konventionen sprengt, mit einem Verhältnis das weder etwas etwas schmutziges noch verbotenes an sich hat. Das  sich jedoch nur im Kontext selbst legitimiert.
So sehr, dass es sogar für den über Gebühr ehrlichen Léon keiner weiteren Rechtfertigung bedarf, weder innerlich, noch äußerlich.

Keine rücksichtslose Liebe

Gerade dieser moralische Anspruch, der über einer Paarbeziehung, aber auch über der persönlichen Lebensführung prinzipiell lastet ist bei Capus kein gnadenloses Fallbeil. Es geht ihm nicht darum zu zeigen was richtig und was falsch ist und wo man sich zu bescheiden oder bestärken hat.
Capus schreibt enthoben von einem kleinbürgerlichen Moralbegriff, der einen vor allem mit Grenzen und Verboten traktiert. In "Léon und Louise" geht es nicht darum solche Ketten zu sprengen, sondern vollkommen abstrahiert von ihnen zu handeln. Zu handeln nach einer eigenen, inneren Moral, die auch den Menschen in seiner Situation berücksichtigt und nicht die Konvention über diesen Menschen stellt.

Es ist hier vor allem das nötige Verständnis in der Dreieckskonstellation zwischen Léon, seiner Frau Yvonne und Louise, das sie für einander aufbringen, welches sie in ihrer Situation glücklich sein lässt. Es geht hier um keine Liebe die alle Grenzen überwindet, sondern eben um die, die Grenzen respektiert und deshalb trotzdem nicht abbricht. Es ist die Rücksicht der Handelnden, die die Unschuld einer Liebe bewahrt, die für viele doch gar nicht so unschuldig ist.

Alex Capus konzentriert sich bei der Darstellung der Ereignisse vor allem auf die Perspektive von Léon, während man von Louises Gedanken nur aus ihren Briefen erfährt. Gerade ihre Betrachtungen aber sind es gegenüber dem oft etwas nüchternen Lebensbericht Léons, die der doch verloren geglaubten Liebe die alte Leidenschaft wieder einhauchen.
Dabei entwickelt er in seiner Betrachtung viel Verständnis für die Unzulänglichkeiten und Macken der Figuren, in denen gerade gerade ihre Liebenswürdigkeit für einander liegt.

Wir verlosen 3 Exemplare – hier der Link zum Gewinnspiel.

Alex Capus: "Léon und Louise". Hanser Verlag, München 2011. 315 Seiten, geb. 19,90 €. 

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6 Antworten auf Léon und Louise – Verstecken

  1. Valerie sagt:

    Macht Lust auf mehr
    diese Rezension. Scheint ja wirklich ein richtig nettes Buch zu sein, ideal zum Valentinstag.

  2. Charles sagt:

    Finde ich gut,
    dass es hier jetzt auch Literaturrezensionen gibt.

  3. Anne panne sagt:

    @Charles
    Ich auch, vor allem so qualitativ hochwertige ^^

  4. jasmin sagt:

    rezension
    es wird heute auch noch ein gewinnspiel online gestellt – es gibt 3 exemplare zu gewinnen.

  5. lala sagt:

    @ Charles
    dem kann ich nur beipflichten, wann wohl die nächste qualitativ hochwertige Rezension erscheinen wird?

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