Kultur – Musik

Leonard Cohen

Leonard Cohen und das mögliche neue Album

15. Dezember 2010 • Musik

„How long did it take you to write Halleluja, Leonard“

 
Es gibt da diese legendäre und oft zitierte Konversation zwischen Bob Dylan und Leonard Cohen, die ging ungefähr so: Dylan fragt Cohen auf einer Party, wie lang er gebraucht hätte, um sein legendäres Halleluja zu schreiben (einen Song, der lange überhaupt keine Beachtung fand und erst viele Jahre später zum angemessenen Ruhm und einer inflationären Anzahl von Coverversionen kam). Cohens überlegt kurz und meint: „Vier Jahre. Wie lange hast du gebraucht, um I and I zu schreiben“. Dylan: „15 Minuten“. Cohen fügte in einem Interview grinsend hinzu, dass beide gelogen hätten, in Wirklichkeit hat er sechs Jahre dafür gebraucht und Bob wahrscheinlich nicht länger als 10 Minuten“.
 
Was nicht im geringsten damit zu tun hat, dass Cohen unproduktiv wäre: Cohen schreibt jahrelang Notizbuch über Notizbuch voll, feilt an jedem Wort, an jeder Nuance, sitzt am Schreibtisch und fertig ist der Song dann, wann er fertig ist, wenn jedes Wort sitzt, jede Metapher auf den Punkt gekommen ist. Ein Dichter, ein Schriftsteller, bei dem es nur bedingt um den legendären Kuss der Muse oder dergleichen geht – Schreiben, so Cohen ist Arbeit. Nick Cave sagt das gleiche: diszipliniertes Arbeiten, sich hinsetzen. Ein „Wordsmith“ im besten Sinne des Wortes.
 
Ein Wortschmied, dessen letztes Album schon eine Weile her ist: „Dear Heather“ erschien 2004 und bewies leider wieder einmal, wie es die letzten Alben des „Canadien errant“ taten, dass Cohen in Punkto Produktion und Soundauswahl kein wirklich glückliches Händchen hat. Gemeinsam produziert mit seiner, pardon, unsäglichen Partnerin Sharon Robinson standen musikalisch wie schon bei „Ten New Songs“ synthetische, wirklich billig klingende (bestes Beispiel hierfür der Titeltrack „Dear Heather“) Computersounds am Programm, beklemmend plastische weibliche Backing Vocals („take it away angels“, das alte Motto).
 
In der Zwischenzeit
In der Zwischenzeit passierte im Hause des Poeten Profundes: seine damalige Managerin zog ihn dermaßen ab, dass Cohen offiziell pleite war. Dieses Gefühl, „on the foothills of old age“ zu sein und keinen Dollar mit der Bankomatkarte abheben zu können, keine spirituelle Praxis die er empfehlen könnte, meinte er in Interviews, in denen er offen und mit einer zen-buddhistischen Gelassenheit redete, der sich in seinen Jahren auf „Mount Baldy“ angeeignet hatte, einem kalifornischen Zenkloster in dem Cohen jahrelang als ordinierter Mönch lebte und sich um den spirituellen Lehrer „Roshi“ kümmerte.
 
Die Geldprobleme gehören, und das sei Cohen mehr als gegönnt, der Vergangenheit an: Cohen ging ausgiebigst auf Welttournee, spielte drei Stunden Sets mit ausverkauften Venues und fand ein riesiges Publikum. Seine Alben waren vor allem in den USA nie wirklich Kassenschlager – mittlerweile hat aber eine neue Generation Cohen für sich entdeckt beziehungsweise vielleicht auch wiedergefunden. Die popkulturelle, verspätete Popularität von Hallelujah, die unzähligen Coverversionen mögen ihr Quentchen dazu beigesteuert haben.
 
Mit großer Band tourte Cohen, Stadt für Stadt, brach auf der Bühne zusammen und stand wieder auf der Bühne. Der Poet ist in den Hall of Fames angekommen, und das mehr als verdient. Im Pantheon der Songschreiber des 20. Jahrhunderts hatte Cohen ohnehin bereits seinen Platz, als er sein erstes Album veröffentlichte. „Songs of Love and Hate“, von vielen als „Musik, bei der man die Rasierklinge für den Selbstmord gleich mitliefern sollte“ geschmäht war bereits ein Meilenstein. „Give me a Leonard Cohen afterworld, so I can sigh eternally“, sang Kurt Cobain.
 
Lighten up, that’s what enlightenment means

Cohens Geschichte ist die von einem Poeten bei dem es an Dämonen nie gemangelt hat. Von Depressionen und dem Versuch diese mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen oder zu betäuben – um von der einen Sekunde in die andere zu kommen, wie es Cohen einst sagte. Das LSD wird er seit der Zeit im Chelsea Hotel mit Ginsberg, Joplin und den anderen nicht mehr angerührt haben, hätten die Antidepressiva geholfen, hätte er sie weiter genommen und würden andere Drogen bei ihm funktionieren hätte er sie schon integriert. Taten sie aber nicht. Nach einer Tour, auf der Cohen auf der Bühne mehrere Flaschen Wein soff und sich nach Tourende in einem desolaten physikalischen und psychischen Zustand wiederfand, versuchte er einen anderen Zugang. Ein Zugang, der ihn letzten Endes jahrelang im Kloster wohnen ließ, wo er um 4 Uhr früh aufstand (seine einzige Sonderbehandlung war, dass er eine halbe Stunde früher aufstehen durfte um sich Kaffee zu kochen und Zigaretten zu rauchen), meditierte und sich um Roshi kümmerte. Jenen Lehrer, der ihm damals als spirituelle Praxis riet, Tennisstunden zu nehmen: „you know how to work, Leonard, but you don’t know how to play“. Tennisspieler ist aus ihm trotzdem keiner geworden, aber er erkannte dass „lighten up“ die Essenz von „Enlightenment“ ist.

2011

 
Und wenn 2011, wie es das geheißen hat, ein neues Album erscheint, fällt dies unter meine Top 3 Antizipationen für das kommende Jahr. Er produziert es selbst, ob sich das als gute Idee entpuppt wird sich herausstellen. In Wirklichkeit hat es bei Cohen nie mehr gebraucht als eine Akustikgitarre – mir persönlich war die aktuelle Bandbesetzung ja bereits zu überladen (vor allem die inflationär eingesetzte spanische Gitarre). Abgesehen davon, dass für mich als Cohen-Verehrer es grandios wäre, wenn sich Cohen mit seinem kanadischen Landsmann Daniel Lanois (den ich in jedem dritten Artikel über alle Maßen lobe, wie ich gerade beim Schreiben erkenne) zusammentuen würde und ihn produzieren ließe. Bei Dylan hat das perfekt geklappt, bei Neil Young hat das geklappt. Songs und Texte von DIESEM Kaliber hätten einfach ein besser entworfenes Soundgewand verdient, als das bei Cohens Alben seit Ewigkeiten passierte.
 
Wie auch immer, es wird schön, neue Geschichten und Gedichte vom Großen zu hören.
„So let’s drink to when it’s over / and let’s drink to when we meet / I’ll be standing in the corner where there used to be a street“.
 
Auf Sie, Herr Cohen. Ring the bells that still can ring!

Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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