Kultur

Carola Dertnig, ZU SPÄT, 2011 Foto: Stephan Wyckoff

Kunst gegen das Vergessen

8. August 2011 • Kultur

Letzte Woche wurde am Morzinplatz im ersten Bezirk die neueste Arbeit der Künstlerin Carola Dertnig präsentiert. In Zusammenarbeit mit der Landschaftsgestalterin Julia Rode schuf die Künstlerin ein Kunstwerk, das an dem historisch aufgeladenen Ort als Mahnmal gegen NS-Verbrechen an Homosexuellen und Transgender-Personen wirkt.

ZU SPÄT lautet der Titel der temporären Arbeit, die bis Oktober 2012 zu sehen sein wird. Zu spät wurde der Opferstatus der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender-Personen, die durch die Gestapo inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden, offiziell anerkannt. Erst Jahrzehnte nach Ende des Krieges, im Jahr 1995, wurde dieses Versäumnis nachgeholt. Mit ihrer Arbeit stellt Carola Dertnig nun einen Versuch an, dem kollektiven Vergessen entgegenzuwirken. Der 20 Meter lange Schriftzug setzt sich aus Pflanzen wie der Fetthenne, der Hauswurz und der Steinnelke zusammen. Widerstandsfähig und wetterfest können die Blumen äußeren Einflüssen gut standhalten und verändern sich und somit auch das Kunstwerk im Laufe der Jahreszeiten. Über einen Steg können sich die Betrachter dem Kunstwerk nähern. Dadurch wird eine konzentrierte und intensive Auseinandersetzung vom Betrachter eingefordert. Der Steg endet in genügendem Abstand vor der Arbeit, um gleichzeitig in respektvoller Distanz zu verweilen.

Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum

Die Geschichte des Platzes ist den Wenigsten mehr bekannt. Als Adresse der Wiener Gestapo-Zentrale, die von 1938 bis 1945 im ehemaligen Hotel Métropole beherbergt wurde, ist der Morzinplatz eigentlich ein historisch relevanter Ort, seine Bedeutung im geschichtlichen Kontext vor allem einer jüngeren Generation aber nicht mehr vertraut. Die kleine Rasenfläche inmitten des Platzes wurde mittlerweile auch mehr von den Hunden und deren Besitzern als Lokus übernommen.

Genau hier, an dieser Wendung des Ortes ins Triviale, schließt der von KÖR (Kunst im Öffentlichen Raum) initiierte künstlerische Eingriff an. ZU SPÄT ist eine Geste, jenen Opfern, die im Kontext nationalsozialistischer Verbrechen häufig unerwähnt bleiben, späte Anerkennung und Aufmerksamkeit zu zollen. Bereits letztes Jahr diente der Morzinplatz schon einmal als Ort der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit: auch das Projekt „Mahnwache“ von der Künstlerin Ines Doujak gedachte der Ermordung sexueller Minderheiten während des Nationalsozialmus.

NS-Aufarbeitung hat nichts an Aktualität eingebüßt

Dass eine künstlerische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit (leider!) auch immer noch tagesaktuelle Themen anspricht, wurde in den letzten Tagen deutlich. In der kürzlich erschienenen Juni-Ausgabe der rechtsextremen Zeitschrift AULA – dem Organ der Freiheitlichen Akademikerverbände – bezeichnete der Verfasser Fred Duswald die 1945 befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen als „Landplage“ und „Kriminelle“. Insofern nimmt ZU SPÄT als Kunst im öffentlichen Raum auch eine gesellschaftspolitische Funktion ein: nämlich das Bewusstsein für die Gräuel der Vergangenheit zu schärfen, um so auch in Zukunft respektvoll damit umzugehen zu können. (Barbara Pflanzner)

Informationen zu Carola Dertnig bei basis-wien.

Carola Dertnig. ZU SPÄT, 2011
Morzinplatz
1010 Wien
Unterstützt von KÖR (Kunst im Öffentlichen Raum Wien)

Foto: Stephan Wyckoff

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Morzinplatz

Morzinplatz
1010 Wien
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