Lifestyle – Skurriles

Anatomische Wachsplastik (c) Medizinische Universität Wien
Anatomische Wachsplastik (c) Medizinische Universität Wien

Körperwelten

29. Februar 2012 • Skurriles

Offene Leiber und hervorgetretene Innereien: über tausend anatomische Wachspräparate liegen, stehen und hängen im ersten Stock der ehemaligen medizinisch-chirurgischen Akademie des Josephinums – für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch in den Körperwelten.

Eine Frau, wie Schneewittchen im Glassarg, auf einem Seidenlaken liegend, die Augen halb geschlossen, der Mund zu einem leichten Lächeln gezückt – man würde es ihr im Gesicht kaum anmerken, dass ihr kompletter Brustkorb bis hin zum Bauchraum geöffnet ist, die Organe offen da liegen, bis ins kleinste Detail aus Wachs nachmodelliert: und kaum zu glauben auch, dass die so friedlich liegende junge Dame schon fast zweihundertfünfzig Jahre alt ist: die in Anlehnung an eine berühmte Marmorstatue so genannte „Mediceische Venus“ ist nämlich Teil einer von Kaiser Joseph II. initiierten Sammlung von medizinisch-anatomischen Präparaten für die Ausbildung von Ärzten.

Tausend Organe

Zu diesem Zweck ließ Joseph II. über tausend Modelle bestellen: einzelne Organe, Knochen, Schädel, Blutsysteme, zusammenhängende Körperteile und auch einige komplette Menschen, in mehr oder weniger aufgetrennten und geteilten Zuständen. Gefertigt wurden diese in mühevoller Kleinstarbeit in Florenz, und zwar zwischen 1784 und 1788. Gebettet wurden sie in Vitrinen aus Rosenholz, und mundgeblasenes Venezianisches Glas erlaubt ungetrübte Einblicke in die Särge der Ruhenden – schon damals war die Sammlung für die Öffentlichkeit bestimmt.

Paranoia

Und nicht starr, kühl und steril werden die Modelle präsentiert: Goldsockel dienen als Ständer, violette Samtkissen als Betten und auch die Toten selbst wirken nicht tot und still wie aus heutigen Lehrbüchern: sie posieren, als würden sie einem Maler Modell stehen – und wirken dabei beinah lebendig. So überkommt dem Besucher ob der vielen auf ihn gerichteten Wachsaugen im letzten der drei großen Säle, in denen leider Fotografierverbot herrscht, fast schon Paranoia.

Foto: Mediceische Venus (anatomische Wachsplastik), 18. Jahrhundert
© Medizinische Universität Wien

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »