Kultur

(c) Georg Soulek
(c) Georg Soulek

Krieg und Frieden

5. Dezember 2013 • Kultur

Zum vorletzten Mal war Leo Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen. Viereinhalb Stunden wird das beinahe Unmögliche versucht: Die über 1.500 Romanseiten angemessen auf die Bühne zu bringen.

Der russische Anarchist Leo Tolstoi, selbst aus adeligem Geschlecht, schuf mit seinem 1868 erschienen Werk über die aristokratische Gesellschaft Russlands zwischen 1805 und 1812, einen Klassiker der Weltliteratur. Der ursprünglich in vier Bänden erschienene Roman, wurde unzählige Male übersetzt, als Hörspiel, Oper und Theater inszeniert und mehrfach verfilmt. Zuletzt wagte sich der österreichische Regisseur Robert Dornhelm mit einem TV-Vierteiler an den Tolstoi-Stoff.

Scharmützel um Liebe, Ehre und Verrat

Die Handlung, welche zu komplex ist, um sie in ein paar Sätzen auszudrücken, dreht sich um Fürsten, Grafen und hohe Militärs des russischen Zarenreichs unter Alexander I. Während der russische Hochadel auf Soirées, Bällen und festlichen Abendessen dem Luxus und dem Vergnügen fröhnt, toben im Westen bereits die napoleonischen Kriege, die alsbald auch Russland erfassen. Im Roman wechseln Krieg und Frieden einander gekonnt ab. Der Eroberung Wiens durch Napoleon, den Schlachten bei Austerlitz und Borodino, oder dem Russlandfeldzug Napoleons und dem Brand Moskaus, werden die zwischenmenschlichen Scharmützel um Liebe, Ehre und Verrat innerhalb der russischen Adelsfamilien kontrastreich gegenübergestellt.

Zwischen Kriegsheroisierung und Menschenrechten

Tolstoi bringt in seinem dicht erzählten, ausufernden Roman, seine Abscheu gegenüber dem damaligen Adel zum Ausdruck. Er kritisiert die Dekadenz und moralische Verlotterung der russischen Aristokratie, sowie die Heroisierung des Krieges zu jener Zeit, die in unversöhnlichem Verhältnis zu den grausamen Erfahrungen der einfachen Bevölkerung steht. Den Idealen der französischen Revolution werden die Schrecken der napoleonischen Kriege und die elitäre Herrschaft des russischen Hochadels gegenübergestellt. Tolstoi thematisiert die hart erkämpften Menschen- und Freiheitsrechte durch die französische Revolution und deren Erosion im napoleonischen Kriegstreiben, sowie den aristokratischen Herrschaftsformen.

Hartmann inszeniert mit Spannung und Witz

Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann inszenierte Leo Tolstois Klassiker effektvoll und mit Ironie gespickt. Mit einfachster Bühnenausstattung und viel Kreativität, arbeiten sich vierzehn Schauspieler und zwei Musiker an den 1.500 Seiten an Romanstoff mit einer beeindruckenden Leichtigkeit ab. Die französische Passagen in Tolstois Werk wurden im Original belassen und tragen zur Authentizität der Inszenierung bei. Befürchtungen, bei viereinhalb Stunden Historientheater, könnte sich mitunter ein beiläufiges Gefühl der Langeweile einstellen, erwiesen sich als gegenteilig. Hartmann und seinem Ensemble gelingt es tatsächlich, Spannung und Witz hoch zu halten und „Krieg und Frieden“ fragmentarisch, aber einigermaßen übersichtlich auf die Bühne zu bringen. Einige Schauspieler schaffen es, sich nachhaltig in die Köpfe der Besucher zu spielen. Oliver Masucci beispielsweise, scheint die Rolle des dekadent hedonistischen Lebemanns Anatól, wie auf den Leib geschneidert. Im tragikomischen Gewand verliert das Jahrhundertwerk etwas an Pathos und Ernsthaftigkeit, wodurch die gesellschaftskritischen Aspekte erst recht hervortreten.

Die letzte Vorstellung von „Krieg und Frieden“ im Kasino findet am 28. Juni 2012 statt.

Foto: (c) Georg Soulek Burgtheater

Stefan Weiss

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