Kultur – Musik

Mario Rossori

“Kraut und Rübenlabel mit persönlicher Identität.”

2. Juni 2010 • Musik

Mario Rossori empfängt uns in seinem Büro in Hietzing, winkt uns hinein, er müsse nur noch ganz kurz irgendetwas erledigen, eine Mail schreiben, das IPhone läutet daneben in kurzen Abständen. Im Rahmen unserer „Musikindustrie von Innen“-Reihe ist der 1959 in Luzern geborene „Poppate“ unsere erste Adresse. Rossori ist Labelchef (Pate Records), Musikproduzent, Verleger, Manager, Organisator und Konsulent – die Reihe ließe sich fortsetzen.

Rossori spricht sehr pointiert, beinahe zitatsfertig. „Da hätten wir Gesprächsstoff für fünf Stunden“, schmunzelt er, als wir ihm unsere Idee von der „Musikindustrie von Innen“-Reihe erzählen.

Da wäre als erstes sein Label, „Pate Records“, das es zu besprechen gilt. Seit 2001 gibt es das Label – das habe sich eher so ergeben, erzählt er, „um ehrlich zu sein hatte ich nie die Ambition ein Label zu gründen“. Früher, 1991, war er schon mal Teil eines Labels, „Spray Records“, das er gemeinsam mit Alexander Spritzendorfer betrieb und den Verlag leitete (u.a. waren bei Spray Records Count Basic und Beat 4 Feet unter Vertrag). „Ich wusste, dass es viel Arbeit ist. Ich hab die Verlagstätigkeit gemacht, was auch viel Arbeit ist, aber du musst nicht hantieren mit den CDs, der Lagerhaltung, der Abrechnung und dem ganzen S…“

Der Auslöser dafür, dass es dann doch anders kam, war eine österreichische Band, genauer gesagt die „Bowling Punks“ von 3 Feet Smaller, mittlerweile bei Sony unter Vertrag. Diese wollte Rossori unbedingt bei einem Major unterbringen, genauer gesagt bei der EMI, was aber – trotz einiger Unterstützung von Seiten des Majors– am damaligen A&R scheiterte, der die Marschrichtung des Betriebs eher in Gefilden eines „Anton aus Tirol“ oder des „Kleinen Indianers“ sah. Auch ein extra angesetzter, vom Publikum abgefeierter Showcase der Band im Shelter brachte den gewünschten Deal nicht ein.

Erich Krapfenbacher, damals Managing Director bei der EMI, schlug Rossori vor, doch ein eigenes Label zu gründen und im weiteren Sinne mehr als nur ein Album zu releasen, und mit anfänglichem Startkapital des Majors hob Rossori „Pate Records“ schließlich aus der Taufe. „Ich will jetzt keine Summen nennen, aber es war genug um gut zu produzieren, ähnliche Summen wie jetzt der Musikfond auszahlt, in der Preisklasse“.

Schnell stellte sich Erfolg ein. „Die Musiker haben alle gewusst, dass im Falle eines großen Erfolgs, ein Wechsel zu EMI möglich ist.“ Mit den ausgehandelten Deals waren alle einverstanden, da Mario Rossori eigenständig Konditionen aushandeln konnte und diese dementsprechend gut ausfielen ohne, dass EMI etwas dagegen machen konnte. Im Falle eines Wechsels hätten sie diese Konditionen bei EMI behalten, „und das war natürlich gar nicht so uniteressant für den einen oder andere Künstler.“ Zwei Jahre funktionierte das Konzept gut. Neben 3 Feet Smaller arbeitete das Label auch am Aufbau von Garish oder sPout.

Nach zwei Jahren ging Erich Krapfenbacher und sein Nachfolger wollte das bisherige Kooperationsmodell nicht fortführen. Die Mittel von Pate Records schrumpften dadurch von Hundert auf null und es ergab sich die Notwendigkeit andere Deals mit KünstlerInnen und Künstlern auszuhandeln. “Wie so oft habe ich aus der Not eine Tugend gemacht“. Unter der Auflage einen Großteil der Produktion selbst zu finanzieren, erhielten die KünstlerInnen auch deutlich bessere Deals. „Wenn ihr das Finanziert mit Geld vom Musikfonds, oder woher auch immer, dann solltet ihr auch mehr von den Einnahmen haben als ich, der jetzt kein Risiko trägt“, erklärt Rossori diese Deals.

2001 begann es und inzwischen steht Pate Records bei 70 Alben. „Ich sag immer es ist ein Kraut und Rüben Label mit persönlicher Identität. Es hat nur zwei Identitäten, es ist österreichische Musik und es ist für mich gute Musik. Wobei für mich gute Musik, Musik ist die ins Ohr geht.“ Von Jazz über Pop, Punk und Metall ist alles vertreten. Denn Österreich ist nach Rossoris Meinung viel zu klein um sich auf ein Musikgenre zu konzentrieren. Zumindest wenn man ein Label nicht nur als Hobby betreiben will, sondern damit kommerziellen Erfolg haben will. Für den nötigen Umsatz sind vier bis sechs Produktionen pro Jahr notwendig und dies allein in einer Musiksparte zu bewerkstelligen ist in Österreich schwierig bis unmöglich.

Ich bin der gleichen Meinung wie Walter Gröbchen, dass wir als Macher von Labels niemanden beeinflussen können, egal ob es das Publikum, das Radio, Die JournalistInnen sind. Wir können sagen ob es uns gefällt, ob es denen gefällt you never know.“ Oft bekommt man kein Feedback auf neue Nummer und ein Jahr später wird es plötzlich auf Powerplay gespielt und kommt auf eine Compilation drauf, weil es plötzlich wichtig ist. Das sind Unabwägbarkeiten die nicht abschätzbar sind. Das eigene Fingerspitzengefühl ist dementsprechend wohl auch eine der wichtigsten Eigenschaften eines erfolgreichen Labelchefs.

Seit 1. Oktober hat Pate Records als einziges österreichisches Label eine gleichzeitige Veröffentlichung in Österreich und Deutschland, mit Edel als Partner, darauf ist Rossori stolz und verweist in unserem Gespräch auch darauf, dass selbst bei großen Majors wie beispielsweise EMI eine gleichzeitige Veröffentlichung in Österreich und Deutschland vom Produzenten keinesfalls garantiert werden kann. Schließlich würde eine Veröffentlichung in Deutschland dann bei der Deutschlandtochter des Majors entschieden werden und nicht in Österreich.

Downloaden und Co

In Mario Rossoris Büro hängen diverse goldene und Platinplatten. Papermoon erhielt 1993 beispielsweise für 50000 verkaufte Platten Platin, insgesamt wurden 140000 Platten verkauft. Das sind Zahlen die heute kein Österreichischer Künstler mehr schafft. „Der Unterschied zwischen 1993 und 2010 liegt nicht nur daran, dass wir heute weniger CDs verkaufen, sondern das Medienangebot insgesamt ist deutlich größer. In letzte Zeit habe ich zwei mal Vorträge vor jungen MusikerInnen gehalten. Auf die Frage wer sich in den letzten Wochen eine CD gekauft hatte, oder etwas legal downgeloadet, haben dies von 60 Personen jeweils drei bejaht. Und jetzt reden wir über das wie verdiene ich Geld in der österreichischen Musikbranche. wenn nicht einmal diejenigen die damit Geld verdienen wollen, selber etwas kaufen, wie sollen wir da weiter machen können?“ Für Rossori erschwert die Vielzahl an Veröffentlichung den KonsumentInnen die Entscheidung was man kaufen und was man nicht kaufen möchte. Dennoch versteht er nicht wie sich die Bereitschaft Musik legal zu erwerben derart abwärts entwickeln konnte. Auf unsere Frage, wie er dieselbe Situation 1993 einschätzen würde antwortet er, dass wohl zumindest zehn Mal so viele der anwesenden Personen Musik legal erworben hätten.

Mario Rossori sieht zwei Möglichkeiten die aktuelle Situation zu lösen. Einerseits die Fortsetzung der Selbstausbeutung. Es ist möglich immer billiger zu produzieren, was aber auch zu Lasten der Qualität geht. Das Produzieren wird dadurch viel leichter, das Angebot wird aber auch immer größer.

Die Alternative zur Selbstausbeutung wäre, dass es eine fast staatlich organisierte Produktion gibt. Der Film wäre für Rossori ein Beispiel dafür wie es funktionieren könnte, da er ja fast ausschließlich staatlicherseits über die Filmförderung ermöglicht wird.

Kulturflatrate

Rossori kann sich das Konzept einer Kulturflatrate vorstellen, wenn die Abrechnung so erfolgt, dass die Einnahmen jeder/jedem MusikerIn und ProduzentIn zufließen und nicht nur den „Großen“. Technisch ist es laut Rossori kein Problem Tracks so mit Fingerprint abzunehmen, dass jeder Stream abgetastet werden könnte und einem/ einer KünstlerIn zugeordnet werden kann.

Sollte das Abrechnungsmodell hingegen einer Pauschale entsprechen, fürchtet er eine Umverteilung zu Gunsten der „Großen“ da sich deren Airplay in den großen Radiostationen überproportional auswirken wurde. Rossori bringt als Vergleich ein österreichisches Internetradio, dass ausschließlich österreichische Musik spielt und dafür eine Pauschale bezahlt. Diese fließt in den Topf der AKM und wird dann verteilt. Würden die Tracks des Radios hingegen einzeln erfasst werden kämen die Einnahmen der Pauschale auch tatsächlich denjenigen KünstlerInnen zugute die auch gespielt werden. „Wenn eine Flatrate zugeordnet werden würde und nicht Aufgrund von Altlasten weil ein Label beispielsweise 2 Millionen Titel hat zugeordnet wird, dann bin ich dafür. Ich bin mir nicht sicher ob eine Kulturflatrate dazu führen würde, dass wir noch weniger verkaufen. Es würde nur das was jetzt nicht bezahlt wird zumindest teilweise abgegolten.“ Auf unsere Frage ob es eine Möglichkeit gibt das illegale Downloaden jemals wieder zurückzudrängen um die Verkaufszahlen zu steigern meint Rossori, dass dieser Zug endgültig abgefahren sei.

Der CD als Medium prognostiziert er eine Zukunft in erster Linie im Bereich der Specials, wo einer CD zahlreiche andere „Goodies“ hinzugefügt werden und das ganze als Gesamtpaket verkauft wird. „Meine KünstlerInenn verkaufen Großteils deutlich mehr im Selbstvertrieb als über den Handel.“ Den Verkauf über Konzerte sieht er generell als eine immer wichtigere Verkaufsschiene.

Amadeus Awards

Mario Rossori organisierte den Amadeus Musikpreis neun Jahre lang. Es nicht mehr machen zu können findet er schade, sein Ausscheiden geschah auch nicht auf seinen Wunsch hin. „Ich glaube, dass die Vorstellung die ich hatte einen Musikpreis für österreichische Musik zu haben der in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird und die österreichischen MusikerInnen auf einem hohen Level anzusetzen, sie in der gleichen Riege wie internationale Stars anzusetzen, dieser Anspruch ist leider abhanden gekommen. Es ist meiner Meinung nach zu einem interessanten und sicherlich ambitionierten Kreativpreis geworden, fairer Weise sollte er auch so heißen. Am meisten stört mich jedoch das im eigenen Sud kochen. Früher hieß es du bist genau so gut wie beispielsweise der Robbie Williams. Heute heißt es du bist genau so gut wie dieser oder jener österreichische Künstler. Wenn man aber weder den einen noch den anderen kennt, dann hat es keine Relation.“ Nach Rossoris Meinung fehlt dem Preis heute die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. „Der berühmte Supermarkttest muss funktionieren. Die KünstlerInnen aus Österreich die man kennt müssen deswegen bei dieser Preisverleihungsgala anwesend sein.“

Auf unsere Entgegnung, dass vom letzten Amdeus wohl zumindest Soap&Skin hängen geblieben ist, entgegnet Rossori auch hier den Supermarkttest zu machen. „Die Begegnung sollte den Preis ausmachen, dass der Schlagerfuzzi, der Indipendent Typ, der Rockmusiker auf einander treffen. Jetzt ist es halt ein bischen ein Indiepreis geworden, was auch ok ist, aber es ist nicht mehr die Intention die ich damit verfolgte.

Auf unsere Frage ob der Supermarkttest durch den FM4 Test ersetzt wurde meint er: „Der FM 4 Test funktioniert, aber dann müsste der Preis eben auch FM4 Preis heißen. Früher war FM4 der provozierende Teil des Preises, jetzt werden sie so selber zum Mainstream. Wenn ich anders sein möchte als Radiosender, dann muss ich auch anders sein. Wenn meine Musik aber plötzlich die österreichische Musikszene repräsentiert, dann bin ich nicht mehr anders und muss eigentlich fürchten, dass jemand anders die Lücke füllt und wieder das Andere repräsentiert und meine Position übernimmt.“

MusikerInnenleben in Österreich

Wir fragten ihn, was junge österreichische MusikerInnnen seiner Meinung nach machen sollten, um sich durchzusetzen. „Spielen, spielen, spielen“, ist sein Ratschlag. „Es ist natürlich eine Katze die sich in den Schwanz beißt. Hast du keine CD, hast du keine Veröffentlichung, bekommst du keine Auftritte, hast du keine Auftritte, bekommst du keine Veröffentlichung usw.“ Dennoch glaubt er, dass es keine Alternative zu zahlreichen Auftritten gibt. Alkbottle beispielsweise wurde nie im Radio gespielt, aber live funktioniert es schon lange großartig. „Es gibt einige Beispiele wo Radio sozusagen wurscht war und die trotzdem erfolgreich wurden.“ Rossori meint das MusikerInnendasein sei mit einem Lehrberuf vergleichbar, „die ersten Jahre verdient man nichts. drei Jahre muss man mindestens rechnen bis sich etwas bewegt, auch weil die Zeit bis KonsumentInnen die KünstlerInnen erkennen, dem Namen eine bestimmte Art von Musik zuordnen kann, das dauert.“ Neben dem live spielen, hält er die Präsenz in Social Networks für Zentral, für ihn stellen sie die „Mundpropaganda des 21. Jahrhunderts“ dar. Wir wollten von ihm wissen, ob er schon die Empfehlung gab aufzuhören, wenn sich der Erfolg nicht einstellte. Rossori meinte, dass dies meistens nicht notwendig sei, denn „Grundsätzlich ist der Musiker nie Schuld und wenn dann bin es meistens ich und dann verlässt man mich. Oder es löst sich ohnehin auf, weil der Sprung vom Hobby zum Beruf nicht gelingt.“

Fernsehen und Musik

Mario Rossori hat das Ziel wieder einmal ein/n KünstlerIn für den Songcontest zu produzieren, was aber nur in Kooperation mit dem ORF gehen würde. Ob die dort erfolgreich sind, oder nicht ist völlig egal, die Präsenz ist wichtig. Wer dort auffällt, kann auch über das Format hinaus Erfolg haben.

Mit Stella Jones hat er das vor längerer Zeit bereits schon einmal gemacht. Seiner Meinung nach müsste österreichische Popmusik überhaupt wieder weit mehr im Fernsehen präsent sein, denn „ohne Fernsehen findest du nicht statt“. Für den ursprünglichen Grund, weshalb die Musikformate im ORF eingestellt wurde, hält er die Konkurrenz von MTV und VIVA. Dennoch habe man sich durch die Einstellung der Jugendsendungen ins eigene Knie geschossen, da fast alle StarmoderatorInnen des ORFs aus den eigenen Jugendformaten kommen.

Im entscheidenden Moment hätte den ORF aber auch stets der Mut verlassen. beim letzten Versuch mit „25“ scheiterte man, da auf Grund zahlreicher Interventionen fast keine Experimente möglich waren und das ganze völlig uninteressant wurde. „Es kam der Beschluss das Format in drei Wochen einzustellen du auf einmal konnten die MacherInnen das tun was sie wollten, weil es in der Chefetage Niemanden mehr interessierte. Die Quoten zogen sofort an, aber es war bereits abgesetzt und man konnte nichts mehr machen. Man müsste die Nerven haben, ich sag da immer es ist doch egal ob sie das Geld ausgeben für CSI New York, Miami und Co., oder für irgendeine Jugendsendung.“

Interview: Markus Brandstetter& Daniel Steinlechner

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