Wien – Debatte

Kony 2012 Video

Kony 2012 an Internet Hype is coming to your town

8. März 2012 • Debatte4 Kommentare zu Kony 2012 an Internet Hype is coming to your town

Das Video Kony 2012 geht um die Welt, hat möglicherweise sogar Facebook für kurze Zeit abstürzen lassen und sorgt auch sonst für viel Aufregung. Wir haben die wichtigsten Fakten.

Der Internethype gehört zum Internet, wie der Kettenbrief zum Postwesen. Blöd nur, dass seit alle auf Facebook sind, jeder Hype zeitlich enorm konzentriert und massenhaft auftritt. Konnte man ganz früher die Kette beim Brief einfach abreißen lassen und die Emails mit den neuesten schlimmen Meldungen über gefangene Katzenbabys in Glasflaschen in den Müllkorb verfrachten, ist das auf Facebook nicht mehr ganz so leicht.

Plötzlich und ganz unvermutet wird einem die Timeline mit Shares des immer gleichen Contents zugespamt. Und immer wenn man gedacht hat, jetzt ist es überstanden, taucht von irgendwo garantiert jemand auf, um die Meldung die längst jede/r gesehen hat, ob er/sie wollte oder nicht, erneut zu teilen.

Wer kann sich nicht noch erinnern an die Millionen Menschen, die meinten es wäre sinnvoll jedem mitzuteilen, dass man doch bitte etwas an den Facebook Privacy Einstellungen ändern müsse, weil sonst die Apokalypse drohe? Wie eigentlich fast immer hätte ein kurzer Faktencheck genügt um festzustellen, dass dem nicht so ist. Aber in sozialen Netzwerken ist das Teilen von Content so leicht und so rasch möglich, dass der Faktencheck oft unterbleibt und bis dann diejenigen auftreten, die den Hype zurecht rücken, ist die Informations-Lawine längst in voller Fahrt.

Der neueste Hype ist das Video Kony 2012 – das wegen seiner Länge und der massenhaften Teilung möglicherweise sogar den kurzen Facebook-Ausfall vor kurzem verursacht hat – und rasend schnell verbreitet wird. Das ist mehrfach überraschend. Denn das Video dauert eine halbe Stunde und ist damit weit länger als die Videos die üblicherweise verteilt werden. Vor allem geht es aber weder um ukrainische Hunde, noch um die Privacy-Apokalypse, sondern um einen Kriegsverbrecher aus Uganda, von dem die meisten Menschen wohl noch nie etwas gehört haben, Joseph Kony.


Joseph Kony

Joseph Kony, der von sich behauptet vom Geist eines italienischen Soldaten besessen zu sein und den Willen des Herren auszuführen, betreibt seit 1987 die Mordbande der LRA (Lords Resistance Army) die sich schwerer und andauernder Völkerrechtsverletzungen schuldig gemacht hat. Der Konflikt der zum Entstehen der LRA in Uganda führte ist sehr komplex. Es geht dabei unter anderem um eine ethnische Auseinandersetzung die tief in den kolonialen Unrechtsregimen wurzelt, um Aberglaube und dessen Weiterverwendung im Zuge christlicher Missionierung, um Stellvertreterkrieg im Zusammenhang mit den kongolesischen Ressourcenreichtümern und vielem mehr. Eine genauere  Auseinandersetzung hier würde den Rahmen sprengen, Wikipedia ist aber ein guter Start um sich in das Thema einzulesen. 

Das Kony 2012 Video

Worum geht es? Das Video der Gruppe „Invisible Children“ möchte Joseph Kony, Gründer der Lord? Resistance Army und gesuchten Kriegsverbrecher stoppen und vor ein Kriegsverbrechertribunal bringen. Das Video möchte zu diesem Zweck den Verbleib von US-Militärberatern in Uganda so lange sicherstellen bis Kony gefasst ist. Zusätzlich werden Spenden für den Kampf gegen Kony und den Wiederaufbau vor Ort gesammelt.

Warum jetzt? Das ist schwierig zu sagen, immerhin gibt es Konys Truppe seit 1987. Seither hat sie weitgehend außerhalb des medialen Fokus der westlichen Welt gemordet und gewütet. In den letzten Jahren ist es aber ein wenig ruhig geworden um die LRA und ihren Chef Joseph Kony. Die LRA, die eine krude Ideologie auf Grundlage der Zehn Gebote vertritt, wurde seit 2006 aus Uganda vertrieben und wird jetzt im Kongo, der zentralafrikanischen Republik oder dem Südsudan vermutet. Warum gerade jetzt sollte uns also zu denken geben. Uganda ist eines der katholischsten Länder der Welt und wird als schwulenfeindlichstes Land der Welt bezeichnet. Vor allem von konservativen christlichen Kreisen in den USA wird das Land verstärkt in den Fokus der US-Außenpolitik gerückt. Gerade jetzt mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, zusätzlich vor dem Hintergrund der republikanischen Vorwahlen, ist das Klima sehr günstig für das Thema.

Warum der Hype? Das Video von „Invisible Children“ ist extrem gut gemacht. Die ersten Minuten haben mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun, erzeugen aber die mitreißende Grundstimmung eines Apple Werbespots. Man kauft das Produkt, weil die Werbung dafür so genial ist. Zusätzlich wird einmal mehr das Bedürfnis befriedigt etwas Gutes zu tun, ohne eigentlich konkret etwas zu tun. Das simple sharen auf Facebook wird so zu einem mitmenschlichen Akt und wer wird nicht schwach bei der Möglichkeit so viel Gutes „Kony stoppen“ für so wenig Einsatz zu bekommen. Das ist wohl auch die Erklärung warum ein Video das sich explizit an eine amerikanische Öffentlichkeit wendet auch beispielsweise in Österreich so breit rezipiert wird.

Wo liegen die Probleme? Relativ rasch kamen auch Fakten auf, die das Projekt von Invisible Children anders und durchaus kritisch bewerten. Am bekanntesten ist die Seite Visible Children, die der Organisation Invisible Children vorwirft, einen Großteil des an sie gespendeten Geldes für Lobbying, das Produzieren von Filmen, Personalkosten und Overhead auszugeben, während nur etwa 32 Prozent für direkte Programme vor Ort verwendet würden. Außerdem wirft man ihnen vor, die Ugandische Armee und andere Streitkräfte mit ebenfalls sehr schlechten Menschenrechtsbilanzen zu unterstützen. Nicht zuletzt zu viel Geld nach Uganda geben, wo die LRA seit 2006 nicht mehr aktiv ist, außerdem würde man Fakten verdrehen und die grauenhaften Verbrechen des Joseph Kony noch übertreiben um Aufmerksamkeit zu erreichen.

Ein neokoloniales Auftreten, dass einmal mehr die Bürde des weißen Mannes betonen würde, wird ebenfalls unterstellt. Bei Visible Children meint man, dass eine Militärintervention möglicherweise eine gute Idee sei, oder auch nicht, den vielen SpenderInnen aber oft nicht klar sei, dass man mit den Spenden das ugandische Militär unterstütze. Visible Children erachtet das Problem für zu komplex für ein Facebookvideo und empfiehlt potentiellen SpenderInnen auch über Alternativen beim Spenden nachzudenken.

Inzwischen hat Invisible Children reagiert und rückt einige der Vorwürfe zurecht. Allerdings bleibt auch nach dem Studium der Klarstellung folgendes bedenklich: Invisible Children hat relativ hohe Personal- und Fundraisingkosten von etwa 20 Prozent. Nur 31,74 Prozent aller Mittel werden vor Ort verwendet, der Rest wird für den Film, Awareness Programme und Lobbying aufgewandt. Invisible Children arbeitet mit der ugandischen Armee zusammen und unterstützt den Einsatz von US-Militärberatern vor Ort. Insbesondere der Einsatz der ugandischen Armee im Kongo (DR), wie in einem Brief der Organisation an Barack Obama gefordert, ist vor dem Hintergrund der langjährigen Verstrickung Ugandas in den Kongokrieg eine sehr problematische Forderung.

Was soll man tun? Unterstützt Invisible Children Ziele die man selbst auch unterstützt? Wenn man diese Fragen mit ja beantworten kann und zum Schluss kommt, dass deren Vorgangsweise die bestgeeignete ist um Joseph Kony zu stoppen, dann sollte man die Organisation unterstützen. Allerdings ist es weder der ugandischen Armee, anderen Armeen, noch den US-Streitkräften bislang gelungen Joseph Kony zu fassen.

Ehrliches Interesse?

Zudem sollte man sich allerdings fragen, warum einem das Leben und Sterben des Joseph Kony plötzlich so ein Anliegen ist.

Jahrzehntelang wütete die LRA in Uganda und den umliegenden Ländern, Millionen von Menschen starben in den bis heute andauernden Auseinandersetzungen im nahen Kongo, unter anderem im ersten afrikanischen Weltkrieg, ohne dass es besondere Medienöffentlichkeit erregt hätte. Kümmert uns das Schicksal von Joseph Kony, seiner Kindersoldaten, der Opfer des ugandischen Antihomosexuellen-Gesetzes, der Menschen in Uganda, im Südsudan, dem Kongo, oder sonst irgendwem in dieser Gegend? Wie viele Menschen in Österreich könnten auf einer unbeschrifteten Afrikakarte Uganda finden, geschweige denn irgendetwas über dieses Land sagen?

Insofern hat die Kampagne von Invisible Children schon etwas erreicht. Menschen in aller Welt beschäftigen sich mit Uganda, Kony und der LRA. Bei aller Kritik bleibt doch ein starker aufklärerischer Impuls über, wenn so viele Menschen beginnen sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen kann nie ein Fehler sein, ganz unabhängig davon ob Invisible Children nun der beste Weg ist bestehende Probleme zu lösen, oder ein weniger guter. Um das einschätzen zu können ist nämlich ebenfalls Beschäftigung jenseits des Schauens und Teilens eines Videos notwendig.

Daniel Steinlechner

Der Guardian berichtet laufend über aktuelle Entwicklungen zum Thema. 

Das Video (falls es jemanden gibt der es noch nicht kennt):


, , , ,

Weitere Artikel

4 Antworten auf Kony 2012 an Internet Hype is coming to your town – Verstecken

  1. Charles sagt:

    Interessante Zusammenfassung
    Kleines Update dazu noch: Es ist gar nicht sicher ob Joseph Kony noch lebt, gesehen hat ihn schon länger niemand mehr.

  2. Sasha sagt:

    Îch kann dem nur zustimmen.
    Immerhin Aufmerksamkeit für ein Thema das sonst meistens untergeht.

  3. Athlone sagt:

    Schlussfolgerung
    Ich habe mich die letzten 2 Tage über dieses Video und die Hintergründe informiert und komme zu dem Schluss, dass der ganze Hype um Kony2012 nur ein Aufwand ist, um das Einmarschieren durch wen-auch-immer zu rechtfertigen.
    Warum? Darum: http://www.foxbusiness.com/news/2012/02/28/tullow-says-investments-in-uganda-oil-sector-has-hit-1-billion/
    Nichts desto trotz ist das eine scheinheilige Medienkampagne einer zweifelhaften Wohltätigkeitsorganisation… so geht es in Afrika schon seit Jahrzehnten zu, nicht nur in Uganda. In wenigen Wochen ist all das Interesse an der Geschichte schon vergessen.

  4. Babsi sagt:

    bigott
    Mir kommt das ganze Video und die Machart auch ein bisschen bigott vor. V.a. das ständige Rekurrieren auf den Sohn (?) des Filmemachers ist ziemlich billige Tränendrückerei. Es wirkt ein bisschen wie ein US-Wahlkampfwerbespot vom rechten Flügel der Konservativen – jagt einen Kriegsverbrecher in Uganda, bevor ihr vor der eigenen Tür kehrt und Unrechtsbewusstsein im eigenen gesellschaftlichen Umfeld entwickelt.
    Fazit: Nicht sharen, informieren.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »