Kultur – Musik

(c) Markus Dörfler
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Konsequent für eine freie Kunst zu kämpfen, heißt für eine andere Gesellschaft zu kämpfen.

13. Juli 2011 • Musik6 Kommentare zu Konsequent für eine freie Kunst zu kämpfen, heißt für eine andere Gesellschaft zu kämpfen.

Konsequent für eine freie Kunst zu kämpfen, heißt für eine andere Gesellschaft zu kämpfen.

Mit "Creating Memories" haben Laura & The Comrats, die Band rund um Songschreiberin und Frontfrau Laura Rafetseder, 2010 ein vielbeachtetes Debütalbum veröffentlicht. Am 15. Juli spielt die Musikern und Politaktivistin ein Solokonzert im Rahmen des stadtbekannt feiert den Sommer-Fests am Adria Strand. Laura Rafetseder im Gespräch mit stadtbekannt.

stadtbekannt: Laura, Dein Album „Creating Memories“ ist ja mittlerweile auch schon wieder ein Jahr alt.

Rafetseder: Ja, ein Jahr und ein paar Zerquetschte…

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ich habe den Eindruck, es alles ist mehr nach Außen als nach Innen gegangen. Ich habe das Gefühl, das Ganze steht an einem Punkt wo es eine Eigendynamik kriegt. Das ist auch ein bisschen beängstigend. Es ist sehr gut angekommen – und jetzt versuch ich wieder ins Schreiben zukommen und neue Sachen zu machen. Dadurch, dass mein Sohn jetzt anderthalb Jahre alt ist, bin ich anderthalb Jahre nicht wirklich dazu gekommen, weil ich die Energie nicht wirklich hatte mich hinzusetzen und etwas zu schreiben. Jetzt nehme ich mir die Zeit einfach, mich einmal pro Woche hinzusetzen und mich mit irgendwelchen Dingen beschäftige, um auf neue Ideen zu kommen, auch um Ideen weiterzuspinnen. Das ist gut, weil ich mittlerweile wieder die Muse habe, dass sich etwas entwickeln kann. Ich habe wieder das Gefühl, Sachen zu schreiben, die ich spüre.

Hast du die Songs geschrieben, bevor Dein Sohn auf die Welt kam?

Die CD ist aufgenommen worden, bevor er auf der Welt war. Bei den Aufnahmen war ich schwanger, das Schreiben war aber vorher. Als ich schwanger war, habe ich überhaupt nichts geschrieben, da war ich sehr mit Ausbrüten beschäftigt. Nein, eigentlich habe ich schon etwas geschrieben, einen Song als er eine Woche alt war – abgesehen von ein, zwei Songs war aber ebbe. Man braucht halt Zeit und Muse, dass man sich in Ruhe mit Dingen beschäftigen kann – und die finde ich derzeit wieder. Ich habe wieder ein wenig Zeit, dass ich mir Leute anhören kann, dass ich neue Musiker entdecke und dass ich mich mit verschiedenen Dingen beschäftige, mit Musik, Kunst, Literatur und anderen Geschichten.

Und Politik – du bist ja politisch bei der Sozialistischen Linkspartei sehr aktiv. Erzähl uns ein wenig über deine politische Arbeit.

Ich bin durch die Musik politisiert worden. Als ich acht Jahre alt war, hatte meine Mutter eine Kassette, die hieß „The Roaring Sixties“. Beats, Studentenunruhen, Revolutionen, die Welt in Bewegung setzen: ich habe das urspannend gefunden, und deswegen hat mich dass auch gerissen: weil ich immer dort sein will, wo es aufregend ist. Und aufregend sind Musik und Revolution. Der Mai 68, sowohl in Frankreich als auch in Prag – das sind die Sachen die mich anpolitisiert haben. Ich habe dann das Glück gehabt, auf meiner Maturareise in Griechenland einige Leute kennenzulernen, und habe festgestellt dass die auch international organisiert sind. Wir sagen , dass man den Kapitalismus überwinden muss, um an eine Lösung zu kommen.

Inwiefern beeinflusst das Deine Musik?

Natürlich sind meine Songs politisch, alles ist politisch. Ich finde, dass Liebeslieder hochpolitisch sind – weil die Dinge, die man will und von denen man sagt, dass man sie will im Kapitalismus nicht immer umsetzbar sind und an die einen oder anderen Grenzen stoßen, anecken an der Gesellschaft in irgendeiner Art und Weise. Ich beschäftige mich zur Zeit ein wenig mit der Frage von Kunst und Revolution, und der von Musik und Revolution. Es gibt ein paar Texte von Trotzki, in denen er sich ziemlich intensiv mit Kunst und Literatur auseinandersetzt. Er hat dann ein Manifest für eine unabhängige und revolutionäre Kunst geschrieben, gemeinsam mit Breton, dem Surrealisten. Das ist wahnsinnig inspirierend, dass Kunst und Revolution zusammen gehören, dass Kunst immer an die Grenzen stößt. "Das Manifest hat sich ja aus der Zeit heraus gegen Stalinismus und
Faschismus gerichtet, die ja beide die Kunst beschnitten haben.". Konsequent für eine freie Kunst zu kämpfen heißt, für eine andere, sozialistische Gesellschaft zu kämpfen. Die Surrealisten haben ja auch viel mit Traum und Psychoanalyse gearbeitet, was ich sehr spannend finde: dass alles, was von der Gesellschaft unterdrückt und verdrängt wird, trotzdem an die Oberfläche kommt.

Was beinflusst dich derzeit?

Was ich zurzeit sehr aufsauge, ist Mickey Newbury – den ich dank meinen Musikbibeln Mojo und Uncut entdeckt habe. Der hat Ende der Sechziger drei Alben gemacht, die für seine Zeit sehr innovativ waren. Weil er erstens drauf geschissen hat, was das Plattenlabel wollte und sich in eins der ersten Homestudios in Nashville einquartiert hat und ziemlich eigenständig gemacht hat, was er sich vorstellte. Man kann das als Tongedichte lesen, mit Geräuschen, Regen, Wind. Er hat glaub ich sogar Grillen aufnehmen wollen, die sind dann aber aus dem Studio gehüpft. Das klingt alles nicht wie aus der Zeit, sondern völlig aktuell. Das war ein arger Typ. Er dürfte offenbar ähnlich wie Johnny Cash den männlichen Schmerz und die männliche Einsamkeit recht gut eingefangen haben – es ist als Anekdote in den Liner Notes geschrieben, dass sein Publikum zum Großteil Männer waren. (lacht) Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Eine Bubenverschwörung!

Ja (lacht). Den höre ich derzeit rauf und runter, großartig. Was ich auch rauf und runter gelesen habe, sind die Dylan Chronicles. Um zu sehen, was er so aufgesaugt hat, was ihn inspiriert hat und was er gehört hat. Ich habe mich immer gewundert, was Dylan mit Rimbaud hat. Ich habe zur gleichen Zeit wie die Chronicles ein Buch über die Pariser Kommune mit mir rumgeschleppt – und irgendwann hab ich mich zum Thalia gesetzt und mir einen Rimbaud rausgesucht. Da bin ich draufgekommen, Rimbaud war Unterstützer der Pariser Kommune – quasi die Verbindung von Dylan zur Pariser Kommune.

Mit was darf man bei den Comrats in Zukunft rechnen?

Mit einem zweiten, guten Album – das sich in Arbeit befindet!

Danke fürs Gespräch, liebe Laura – und wir freuen uns auf Deinen Gig beim stadtbekannt Fest!

Foto (c) Markus Dörfler.

Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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6 Antworten auf Konsequent für eine freie Kunst zu kämpfen, heißt für eine andere Gesellschaft zu kämpfen. – Verstecken

  1. andi sagt:

    soso
    sehr politisch die dame! und eine sehr gute songschreiberin.

  2. mike majevski sagt:

    Schönes Interview
    Finde es auch gut, dass sich die Dame politisch engagiert. Über die Passage in der sie als sozialisierenden Moment den Mai 68 nannte, musste ich aber sehr lachen. Ich schätze sie nach d m Foto auf maximal 30, sie kann das also selbst nicht mitbekommen haben. In Abwesenheit sozialisiert, das lädt natürlich zur romantischen Verklärung ein…

  3. Nora G. sagt:

    Schönes Gespräch
    Stellt ihr die Bands alle vor die bei eurer Party spielen oder ist das eine Ausnahme? Ich find die Musik von de Comrades fantastisch und bin beeidruckt, dass sie sich auch politisch engagiert.

  4. brandstetter sagt:

    @nora g.
    hallo nora – die freischwimma und die mary broadcast band haben wir in unserer "im gespräch" reihe bereits vorgestellt, fadin’to whiteout und bretterbauer werden wir dann später anlässlich neuer Veröffentlichungen genauer interviewen. lieben gruß, markus

  5. Ä€iÖÜ sagt:

    ROFL
    Es gibt ernsthaft Leute die sich bei der Linkspartei engagieren? Freizeitvergnügen, und seien sie noch so abwegig, kann sich ja jeder nach Lust und Laune selbst suchen. Außer natürlich diese Linkspartei hätte was zu sagen, dann wäre es damit sicherlich schnell vorbei.

  6. Nora G. sagt:

    @User mit komischer Buchstabenkombination
    Ich finde ihre politische Einstellung nur insofern interessant, als sie ihre Lyrics beeinflusst. Was sonst KünstlerInenn politisch denken ist mir izemlich egal. Ich höre sie ja wegen der Musik und nicht wegen der Politik und da haben christliche Fundamentalisten wie Jonny Cash genau so ihren Platz in meiner Playlist wie Kommunistinnen al la Laura.

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