Kultur – Literatur

Jack Kerouac

Kerouac’s „On The Road“ 2011 als Film

3. Jänner 2011 • Literatur

Mit „On The Road“ katapultierte sich Jack Kerouac eher in den Pantheon der US-Amerikanischen Populärkultur als in jenen Literarischen, den er Zeit seines Lebens anstrebte. 2011 erscheint nun die Verfilmung von Kerouacs berühmtesten Roman.

Lange bevor der Beat zur später ins Hippietum übergehende kommerzialisierte Pop-Karikatur „Beatnik“ mit dem schwarzen Rollkragenpullover, dem Barett, dem Kinnbart und der zu Bongo-Klängen zitierter Experimentallyrik wurde und Kerouac der König einer angeblichen Gegenbewegung wurde, mit der er zunehmend nichts mehr zu tun haben wollte – traf sich eine Gruppe von jungen Männern an der Columbia Universität, allesamt mehr oder weniger naiv, mit literarischen Weltherrschaftsanspruchsambitionen. Der Rest ist, sowohl mit Primär- als auch Sekundärliteratur wohlbelegte Geschichte. Siehe: „Howl“. Siehe „San Francisco Renaissance“. Siehe „Rucksack Revolution“. Siehe: „Beat Buddhism“

Als „On The Road“ nach Jahren der Suche (und auch Umschreibung – denn, auch wenn Kerouac immer das „first thought best thought“-Ideal predigte, ist es doch bekannt, dass er nicht unakribisch rumfeilte, änderte, umschrieb) endlich verlegt und zum Riesenerfolg wurde, war Kerouac schon alles andere als die per Anhalter durch die USA reisende, ewig jugendliche „mad to live“-Ikone – viel mehr hatte Kerouac den Tramperrucksack, bis auf Ausnahmen an den Nagel gehängt(die letzte derer im grandiosen „Big Sur“ beschrieben) – vielmehr war bereits Stück für Stück am Weg in sein tragisches Refugium, seinen „flüssigen Schutzschild“, wie er seine Trunksucht, die ihn letzten Endes frühzeitig in sein vielbesuchtes Grab brachte.

„On The Road“ aber spielt sich genau im Epizentrum des Beat-Gedankens ab, in einem US-Amerika, das es heute nicht mehr gibt, ein Nachkriegsamerika mit einer pathologischen Sehnsucht nach Harmonie und Gutbürgertum, ein perfekter, wenn auch nicht resistenzuresoluter, Nährboden für Lebens-Gegenentwürfe. Kicks and thrills, hoodlums and bums – zu „New American Saints“ stilisierte Kleinkriminelle mit großen Geschichten. Als „writing not typing“ hat Truman Capote Kerouac einst verspottet, und wie gesagt, für seine literarische Neuerungen beziehungsweise den Versuch solcher (denn da divergieren die Meinungen gerade bei Kerouac auch Jahrzehnte nach seinem Tod) ist er weniger bekannt.

Genau das aber trägt „On The Road“. Auf Endlospapier geschrieben, Wochen ohne Pause von Bezendrin und Kaffee getrieben, begibt sich der Leser mit „Sal Paradise“ (im kommenden Film von Sam Riley verkörpert, der in Corbijns „Control“ den Joy-Division Sänger Ian Curtis exzellent verkörperte) auf die Reise, am Lenkrad Kerouac’s Hauptfigur im Pantheon, Neal Cassady (im Buch Dean Moriarty).

“But then they danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‘Awwwwww’.

On The Road ist eben dieses brennen, A nach C nach B nach A, ein ungestümes Stück Literatur eigentlich mit der ganzen Palette an jenen Experimenten, Sehnsüchten, Eskapaden und Abenteuern die eben zu jener Zeit unter jenen Umständen passieren konnten, wenn ein “madman” auf die anderen “madmen” traf. Mit Charlie Parker als Buddha, mit Erlösungsideen und einer Menge “highs”, überquillend an aneinander- und durcheinanderfolgenden Anekdoten.

Auch wenn es Kerouacs bekanntester Roman ist, es ist möglicherweise rein literarisch nicht sein Bester. Da wäre argumentierbar, dass “Big Sur” mit seinen expressionistischen Beschreibungen einer kalifornischen Küstenlandschaft bei völliger Dunkelheit und dem alkoholinduzierten Horror zusammenhängender, weniger wirr ist. Nichts desto trotz ist “On The Road”, writing/typing hin oder her, einer der mit Sicherheit wichtigsten Romane der US-Literatur der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Auch wenn es, so hat William Burroughs einmal gemeint, wohl mehr Levi’s Jeans verkauft hat als es James Dean jemals tat. Ein Zeitdokument, ein schönes, semi-biographisches Irrlicht an Geschichten rund um jene Gruppe an “cats”, die alle auf ihre eigene Weise Geschichte geschrieben haben. Gary Snyder als Pulitzerpreisträger, Übersetzer von Han Shan, Eco-Buddho-Anarchist; Allen Ginsberg als DIE Poeten-Ikone der Populärkultur, von William Burroughs ganz zu schweigen. Corso, Cassady, Carr, Huncke, Ferlinghetti. Für alle ist die Zeit “On The Road”, schaut man sich die Biographien an, nicht gut ausgegangen: Neal Cassady ist, drogeninduziert, auf einer Bahnstrecke gestorben, Kerouac soff sich ins Grab, weil er laut eigenen Angaben als Katholik keinen Selbstmord begehen könne.

Damals aber, um nochmal das Kerouac-Zitat von vorher zu bringen, sind sie alle rumgetanzt wie die Irren, mit dem geschundenen, kaputten Koffer, rund um Desolation, Freundschaft und der ewigen Suche nach Erlösung, nach – um’s mit Ginsberg zu sagen, “the remedy that all singers dream of”. Man darf gespannt sein, ob es geglückt ist, dies alles im Filmformat wiederzuerzählen – wert, sich die Geschichte anzuhören, wieder und wieder nachzulesen, ist “On The Road” allemal.


Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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