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Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“

17. Mai 2011 • Kultur2 Kommentare zu Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“

Mit „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ ist dem Burgschauspieler Joachim Meyerhoff ein literarischer Coup gelungen. Zwar erfindet er keineswegs das Genre des Coming-of-Age-Romans neu, aber es gelingt ihm doch eine höchst vergnügliche, sensible Version davon zu erzählten.

Der erste Satz fasst eigentlich das restliche Buch zusammen: „Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika. Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.“ Die kürzeste Inhaltsvorschau der Welt, denn um dieses Austauschjahr in Amerika wird sich der größte Teil des Buches handeln. Und dann beginnt Meyerhoff zu erzählen.

Die Poesie des Ungekünstelten

Beginnt in demselben Tonfall zu erzählen, in dem er seit 2007 zuerst im Vestibül und dann im Akademietheater in sechs Teilen aus seinem Leben erzählt, der joviale Ton mit dem er aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Meyerhoffs Erstling „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ ist der erste Teil einer geplanten Triologie und vereint in sich die ersten beiden Theaterstücke, deren zentrales Thema der Amerikaaufenthalt als Austauschschüler Mitte der 1980er-Jahre ist. Und bereits nach den ersten Seiten bemerkt man, dass man hier nicht nur ein sehr kluges sondern wahrscheinlich auch eines der unterhaltsamsten Bücher, die in diesem Jahr in deutscher Sprache erscheinen, in der Hand hält.

Meyerhoff gelingt gleich zu Beginn etwas, was wenige Bücher sonst schaffen: Mich mitten in einem Kaffeehaus, in dem ich begonnen habe das Buch zu lesen, lauthals zum Lachen zu bringen. Ich musste so laut lachen, dass meine Tischnachbarn mich verwundert-besorgt angeschaut haben, der Kellner mir etwas pikierte Blicke zugeworfen hat. Es passiert selten, dass man mit einem Buch wirklich lachen kann. Ich meine nicht schmunzeln oder verstohlen grinsen, nein, ich meine haltloses, lautes Lachen, das man beim besten Willen nicht mehr unter Kontrolle bringt. Nach den ersten 20 Seiten hat man sich sozusagen warm gelacht, sich an Meyerhoffs Sprache gewöhnt, an seinen jovialen Plauderton, an seine Kunst, Pointen zu setzen. Meyerhoff hat bei der Romanadaptierung seines Theaterstücks den Charme des Mündlichen, dieses Plauderhaften beibehalten.

Von Provinz zu Provinz

Dieser Ton trägt das Buch im Endeffekt. Meyerhoffs Sprache ist direkt, fließend, unkompliziert. Und eben weil der Tonfall des Ich-Erzählers so authentisch und ungekünstelt ist, schafft Meyerhoff die Gratwaderung, sowohl von lustigen Episoden als auch von dem eigentlichen Grundthema, dem Erwachsenwerden, der Langeweile und dem trägen Alltag der deutschen Kleinstädte mit ihren Einfamilienhäusern, dem ersten Verliebtsein zu erzählen. Er inszeniert seine eigene Biographie als Geschichte eines unsicheren Taugenichts, der zu Wutanfällen neigt und außer Schwimmlehrer zu sein sich keine großartigen Talente zugesteht, der nach Amerika geht um als basketballspielender, selbstsicherer Mann zurückzukommen.

Die schmerzhafte Erinnerung

Meyerhoffs Roman ist aber nicht nur reines Erinnerung und das Nachspüren von Erinnerungen, er hat auch etwas sehr Selbstreflexives, fast schon Therapeutisches. Wenn Meyerhoff zum Beispiel von seinem Vater erzählt, der Leiter der Psychiatrie war und den kleinen Meyerhoff mit Gutenachtküssen fürs Ich, Es und Über-Ich zu Bett schickte. Fast dokumentarisch berichtet Meyerhoff von den teilweise abstrusen Sitten seiner Wyominger Gastfamilie, den seltsamen Datingritualen, dem Anhimmeln der Basketballmannschaft, der Meyerhoff angehört.

Und gerade als sich Meyerhoff beginnt in Laramie, dem Provinznest in Wyoming in dem der abenteuerwillige Austauschschüler gelandet ist, an die seltsamen Sitten und Bräuche zu gewöhnen, reißt ihn ein tragisches Ereignis aus seiner Countryidylle, wird zur Zäsur zwischen Kind- und Erwachsensein: Sein mittlerer Brüder stirbt bei einem Verkehrsunfall. Fortan begleiten ihn die unaufgearbeitete Trauer um seinen Bruder und die amerikanische Irrealität während der verbleibenden Monate in Wyoming. Das Buch endet, wie es begonnen hat: Zurück in Deutschland am Grab seines Bruders schreibt er erstmals über dessen Tod. Kurz, Hauptsätze, notathaft. Und genau in diesen zwei Sätzen entfaltet sich der gesamte Schmerz über den Verlust, steht eine ganze Geschichte eingeschrieben.

Joachim Meyerhoff: „Alle Toten fliegen hoch. Teil 1: Amerika.“ Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 320 S., geb., 18,95 Euro. 

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2 Antworten auf Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“ – Verstecken

  1. Tanja V. sagt:

    Mir ist es auch so gegeangen
    musste hemmunglos lachen beim lesen. Mir ist das dann ja immer etwas peinlich…Aber sehr gutes buch, keine Frage.

  2. Roland sagt:

    Wusste gar nicht,
    dass es da auch ein buch gibt. Kannte bisher nur das Theaterstück, beziehungsweise die Lesung und war hellauf begeistert. Werd mir das buch sicher auch kaufen.

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