Kultur

Tier Unterschicht

Im Menschen drinnen ist kein Mensch, nur Tier.

21. Jänner 2011 • Kultur4 Kommentare zu Im Menschen drinnen ist kein Mensch, nur Tier.

Der Bühnenboden war mit Rindenmulch bedeckt, rechts eine provisorische Spüle aufgebaut, die später auch eine Bar sein wird, dahinter aufgespannt eine Wald- und Wiesenidylle. Mehr braucht die Regisseurin Felicitas Bruckner nicht, um Ewald Palmetshofers Neuling „tier. man wird doch bitte unterschicht“ zu inszenieren.

Die Handlung: Ein Ort am Rand, irgendwo in den Untiefen des ruralen Lebensraums, ein sterbender Ort. Erika,"ein abgeblühtes Pflänzlein", die nebenbei am Wochenende in der Kellerbar kellnert und ab und zu dem alten Schuldirektor pflegerisch zur Hand geht. Sein Sohn, der Bub, der Reinhard, lebt in der Stadt, sich um den Vater kümmern kann er nicht. Als dann der Sohn mal nach dem Rechten schaut, am Land, das langsam stirbt, wird deutlich, dass diese drei Personen auf unheilvolle Art miteinander verbunden sind. Der Alte hat sich aber mittlerweile in einer Todessehnsucht wohnlich eingerichtet, der Junge sicherlich in seiner Stadt. Nur Erika sucht noch das Warme, das den Menschen in ihr drin zum Schmelzen bringt.

„Man fragt natürlich, was man hoffen darf in diesen Randbezirken des Sozialen“

Die Randbezirke des Sozialen zu untersuchen schickt sich eine Art Kommission Experten an, die in dunklen Anzügen und vom Zuschauerraum aus versuchen zu ergründen ob der Mensch von innen her, vom Kern oder den Zwiebelrandgesellschaftsschichten zu faulen beginnt. Untersuchungsobjekt ist Erika, jenes sprachlose Subjekt, das sich selbst nur als „es, das Mädchen“ adressiert, das immer wieder Anlauf nimmt und doch nur an der Sprachoberfläche abgleitet. Erika, die in der dritten Person von der Vergewaltigung durch den Sohn des Direktors erzählt, von den Demütigungen und der Randstellung im Dorf. Die nach dem Tier im Menschen und dem Menschen im Tier fragt und nach einer Form von zwischenmenschlicher Wärme, die das Menschentier hervorlockt: „das müsst’, hast dir gedacht, weil Wärme reicht nicht aus, das müsst’ ein Feuer sein mit einer Hitze, die dir fast die Haut vom Körper schält, so eine Hitze müsste das sein, die dieses Tier in dir aus seiner Winterstarre reißt, das sich verkrochen hat, die feige Sau, dein Mensch“.

Leider lebte die Figur der Erika mehr von Palmetshofers Sprache als von Myriam Schröders Schauspiel, deren pollesch’ke Hysterie und grotesken Verrenkungen einer gefrorenen Mimik gegenüberstanden. Etwas zu plakativ wurde die Rolle angelegt, der übergroße, unschuldige weiße Schlüpfer und die Karikaturmotorik eines jungen Mädchens im Frauenkörper, das Hysterische stand im unangenehmen Spannungsverhältnis mit Erikas fragiler Sprachfindung.

„Das Tier ist stummes Auge nur“

Palmetshofer fragt in seinem Stück wie schon in „faust hat hunger“ nach der Konstituierung des menschlichen Subjekts, Verantwortung und den Möglichkeiten von gesellschaftlichen Veränderungen. Um all das freizulegen bedient er sich des Sezierwerkzeugs Sprache. Palmetshofer stellt die soziopolitisch-botanischen Theoriegebirge und Hypothesen der Expertenkomission, die doch nur über ihre Bedeutungslosigkeit stolpern, der Bewusstseinsverschiebung und Subjektkonstituierung Erikas, von der dritten zur ersten Person gegenüber, ihre Emanzipation von Palmetshofers elipsenhafternSatzfragmenten hin zu einer stringenten Erzählung. So sagt Palmetshofer über Erika: „Sie verändert den Ort ihres Sprechens (…) An dem Ort, an dem sie nicht spricht, ringt sie mit der Aneignung ihrer eigenen Geschichte. Dort liegt dieses Tier.“ Man beobachtet Erika dabei, wie sie ihrer Vergangenheit einen Namen, dem Trauma ein Wortgesicht gibt. Denn nur vor den Dingen, die wir nicht benennen können, vor denen haben wir Angst. Durch Sprache, definieren wir uns, stecken die Grenzen ab. Die individuellen wie auch die gesellschaftlichen.

Erst wenn das Tier einen Namen hat, hat es eine Geschichte.

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

, , , , ,

Weitere Artikel

4 Antworten auf Im Menschen drinnen ist kein Mensch, nur Tier. – Verstecken

  1. oliver sagt:

    what??????????????
    wer auch immer diesen bullshit geschrieben hat war nicht dabei!das war ein zutiefst verstörender und emotional heftiger thaterabend! glückwunsch an das schauspielhaus mit seinem grossartigen ensemble.unbedingt anschauen, ganz grosses kino!

  2. heihan sagt:


    Worüber genau regst du dich auf oliver? Einzig Myriam Schröders Darstellung der Erika fällt negativ aus – der ich mich nur anschließen kann. Palmetshofers redundante und repetitive Sprache zum herausschälen eines Charakters, kann nicht einzig durch eine ständige Überzeichnung herausgearbeitet werden, diese führt leider an Schlüsselstellen zur ungewollten Komik. Dein zutiefst emotionales und verstörendes Erlebnis steht in keinem Widerspruch zu der oben geäußerten (meiner Ansicht nach wirklich gelungenen) Kritik, also lies vielleicht genauer bevor du schießt.

  3. magda sagt:

    tier
    das stück ist urcool und der palmetshofer ist der wahnsinn, lasst euch bloss nicht abschrecken, das ist mir eh ein rätsel warum zum beispiel die natascha kampusch so gehasst wird bei uns, das ist wohl das gleiche phänomen,bloss keine opfer und das ist aber so wichtig sowas zu zeigen!superstück

  4. oliver sagt:

    pseudointellektuelle kritik
    hallo heihan, gelungene Kritik?? ich zitiere die Laura W.: "P. stellt die soziopolitisch-botanischen Theoriegebirge und Hypothesen der Expertenkommission, die doch nur über ihre Bedeutungslosigkeit stolpern, der Bewußtseinsverschiebung und Subjektkonstituierung Erikas, von der dritten zur ersten Person gegenüber, ihre Emazipation von Palmetshofers elipsenhaften Satzfragmenten hin zu einer stringenten Erzählung." (Zitatende) ich habs genau gelesen, findest du im letzten Absatz. das ist pseudointellektueller bullshit, ich bleib dabei.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »