Lifestyle – Skurriles

(c) rainer
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Ich bin korrupt – Eine Aufdeckergeschichte

14. Dezember 2012 • Skurriles

„Wo woar eigentlich mei’ Leistung“ – dieser Satz ist nicht nur in der hohen Politik, sondern auch in den Tiefen der Stadtbekannt Redaktion grausamer Alltag.

Österreich ist korrupt – wer in diesem Land eine Zeitung aufschlägt oder den Fernseher aufdreht, der blickt unausweichlich in einen weit aufgerissenen Schlund des Amtsmissbrauchs. Politiker sind genauso mit drin wie Medien – die einen halten für skurrile Beratertätigkeiten die Hand auf, die anderen verkaufen als redaktionelle Texte getarnte Werbeeinschaltungen gegen Anzeigengeschäfte. Dass sich die Korruption bis hinunter in unabhängige Onlinemedien durchgefressen hat, zeigt diese beim Bundeskriminalamt eingelangte Selbstanklage eines Stadtbekannt-Redakteurs, dem der Druck des schlechten Gewissens zu viel geworden ist. Wir veröffentlichen exklusiv einen Auszug aus seinem Bekennerschreiben:

Of course I´m a lobbyist

„Letzte Woche beim All-You-Can-Eat Brunch im Cafe Latte war meine Welt noch in Ordnung. Ich biss gerade herzhaft in eine dick mit Marmelade und Butter bestrichene Semmel und hörte den Ausführungen meines Gegenübers zu. „Die Berichterstattung über unser Cafe ist so gar negativ ausgefallen“, meinte der freundliche Herr, seines Zeichens Oberkellner des Etablissements. „Und dass nur arbeitslose Studenten für die ‚Gratis-Essen-am-Geburtstag’ Aktion hier einkehren stimmt doch auch nicht“, argumentierte er weiter und schob unauffällig einen braunen Aktenkoffer in meine Richtung. Ich öffnete das Schloss, lugte schüchtern hinein und sah einen Berg von hundert Euro Scheinen, der mir entgegenlachte. „Natürlich werde ich die Geschichte verschwinden lassen“, erklärte ich, und ließ vor Begeisterung die Semmel fallen, die einen klebrigen Marmeladefleck auf dem vor mir liegenden Diktiergerät hinterließ.
„Warum zeichnen Sie das Gespräch eigentlich auf? Ist das für ihre Notizen?“, fragte mich der Kellner. Völlig verdutzt starrte ich auf das Gerät, das nicht mir gehörte und dass ich bisher nicht bemerkt hatte.
„Erwischt!“, schrie mit schriller Stimme ein Mann am Nebentisch. „Hab ich euch erwischt, ihr korruptes Gesindel!“ Es war niemand anderes als Ex-Innenminister Strasser, der nun neben mir stand und triumphierend mit dem Finger auf mich zeigte. Ich starrte den Mann an, von dem ich angenommen hatte, er würde längst im Gefängnis sitzen.
„Sie haben mich laufen lassen, weil sie den Grasser auch nicht eingesperrt haben und ich gemeint habe, das wäre ungerecht. Seitdem befinde ich mich wieder undercover auf Korruptionsverbrecherjagd“, erklärte mir Strasser auf eine diesbezügliche Frage hin freudestrahlend, während er das marmeladeverschmierte Diktiergerät in seinem schwarzen Sakko verschwinden ließ. „Aber Herr Strasser, wir können uns doch sicher einigen“, versuchte ich zu beschwichtigen, während ich den gerade erhaltenen, immer noch halb geöffneten Koffer in seine Richtung schob, sodass einige Hunderter herausfielen. Strasser wurde mit einem Mal sehr ernst, als er mir mit gesenkter Stimme zuflüsterte: "I am a lobbyist. A lobbyist has a special smell. So we have to be very careful." Mit dieser rätselhaften Abschlussbotschaft erhob er sich, nahm den Koffer an sich und verließ das Lokal, eine Spur aus Geldscheinen hinter sich lassend.

Ewige Wiederkehr des Gleichen

Vollkommen fertig blieb ich an dem Tisch zurück und sinnierte darüber, ob mein Bestechungsversuch funktioniert, oder ob Strasser den Geldkoffer gar nur zwecks Sicherstellung von Beweisen mitgenommen hatte. Am Nebentisch las eine junge Dame im aktuellen „Falter“, der wie schon in den dreiundfünfzig Wochen davor auch in dieser Ausgabe eine volle Seite für die Berichterstattung des immer noch laufenden Ernst Strasser Prozess aufwendete – dieses Mal wurden jedoch auch neue Details wie die Hobbys des Staatsanwaltes sowie die Lieblingsspeisen der Richterin (Sacherwürstel mit Saft und Brettljause) aufgedeckt. Nach dem an diesem Tag verlorenen Geld würde ich diesen Monat wohl noch ein paar Buchrezensionen umschreiben müssen, damit sich der neue Whirlpool ausginge. Plötzlich vibrierte mein Handy und ich sah Dominic Heinzls Namen auf dem Display aufscheinen. Ich würgte den Anruf aber ab, da Heinzl nach angetretener Frühpension sicherlich kein Budget mehr für Lobbyistengelder übrig hatte und schon meine letzte Honorarnote über einhunderttausend Euro für „Beratertätigkeiten für das Magazin Chilli“ platzen hatte lassen. Stattdessen rief ich meine Anlageberaterin in Salzburg an, die trotz ihres Nebenjobs als Beamtin für das schnelle Umsätzen großer Geldbeträge ein gutes Händchen hatte, allerdings durch einige unvorteilhafte „Zeit im Bild“ Berichte über angebliche Spekulationen mit Steuergeldern in ein schlechtes Licht gerückt worden war.“

Der Redakteur befindet sich derzeit in Untersuchungshaft, nutzt diese aber für Undercoververhöre mit Ernst Strasser, der kurz nach dem oben beschriebenen Vorfall bei der versuchten Fälschung eines Kurzparkzonenscheins verhaftet wurde. Es gilt für beide die Unschuldsvermutung.

Andreas Rainer

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