Kultur – Musik

Helge Schneider

Helge Schneider: Buxe voll!

14. Dezember 2010 • Musik

Helge Schneider geht 2011 auf Tour – und auch wenn die zwei Wien-Konzerte erst im Mai stattfinden, ist es mehr als ratsam sich so bald wie möglich Tickets zu besorgen: erfahrungsgemäß dauert es nie lange, bis seine grandiosen Shows hierzulande ausverkauft sind.  Eine Empfehlung, und ein paar Gedanken über Helge Schneiders Kunst.

Das Zelebrieren des Absurden
 
Helge Schneiders Kunst liegt in der absoluten Improvisation, im immer wieder aufs neue entstehenden Wahnsinn. Dass Schneider ein brillianter und ausgebildeter Musiker ist, ist hinlänglich bekannt, ein Multiinstrumentalist, der seine Musikalität in den Kontext seiner konsequent verfolgten Vision eines Humors des Absurden stellt – und damit sind jetzt nicht primär die hinlänglich bekannten Sachen wie „Katzeklo“ oder das „Möhrchen“-Lied gemeint, die ihm bei vielen den „Klamauk“-Stempel aufgedrückt haben.
 
Das Zelebrieren des Absurden – wie es Frank Zappa über weite Strecken seines Schaffens unvergleichbar und virtuos zelebriert hat – steht auch bei Schneider im Vordergrund. Keine Schenkelklopfer, keine ewig schalen und faden Comedy-Pointen von reaktionären Kalibern eines Mario Barth (dem man ausrichten könnte, dass Mann/Frau Witze ungefähr so lustig sind wie 2010 mit einem No Ma’am T-Shirt herumzurennen oder Songs über die Kelly Family zu schreiben), keine Pocherismen – viel mehr ein Zirkus, eine geniale Freakshow mit obskuren Akteuren wie dem langbärtigen, von Helge auf der Bühne sehr schlecht behandelten Sergej Gleitmann – geleitet vom Zeremonienmeister, der ein virtuoses Klaviersolo mit schelmischer Freude mit holpernden Nuancen spickt, dass man den Mund nicht zu bekommt – vom Staunen auf der einen Seite, vom Lachen auf der anderen.
 
Die Genialität von Helge Schneider zeigt sich nicht nur in seinen Live-Shows. Die TV-Gespräche mit Alexander Kluge zeigen zum Beispiel Schneiders Improvisationstalent von einer ganz anderen Seite: immer wieder schlüpft er in diverse Rollen, spielt sich mit Kluge gekonnt und mit einer „tongue in cheek“-Ernsthaftigkeit (so paradox dieses Wort jetzt auch klingen mag) die Diskursbälle zu, schlüpft in die Rolle von historischen Persönlichkeiten, Diktatoren, Forschern, was auch immer.
 
Jazz, Jazz, Jazz

Nicht zu vergessen, die Filme: Jazzclub, Helge als multitaskender Jazzpianist eines virtuosen und unbekannten Trios (mit dem 2005 verstorbenen amerikanischen Kontrabassisten Jimmy Woode sowie dem Schlagzeuger Pete Yorke), der vom Gigolo bis zum Fischverkäufer jeden Job annimmt um Abends für drei Leute und einen nichtzahlenden Wirten den Jazz-Wahnsinn auf die Bühne zu bringen (großartig beispielsweise der minutenlange Kamera-Fokus auf Schneiders Sonnenbrille, in der sich seine über die gesamte Klaviatur virtuos solierenden Finger spiegeln). „Jazz Jazz Jazz“, sag’s noch mal.
 
Vom obskuren Western „Texas“ (Doc Snyder hält die Welt in Atem für eine handvoll Scheiße, so der Untertitel) über den Kriminalfilm „00 Schneider“ bis zum Arzt-Film „Praxis Dr. Hasenbein“ – niemals regiert der „Haha-Humor“ oder der Pointenfetischismus. Das gleiche gilt für Schneiders (natürlich immer bierernst gemeinten) Romane wie „Arschfahl klebte der Mond am Fenster“, „Rodriguez Faszanatas – Memoiren eines Heiratsschwindlers“ oder „Eiersalat – eine Frau geht seinen Weg“. Plus, wer schreibt schon seine Autobiographie („Guten Tach Auf Wiedersehen“) und besteht Jahre später darauf, diese als ungültig zu betrachten weil alles gelogen war.
 
Und ja, das ist die Stelle wo bei mir jetzt das Fantum durchkommt und ich am liebsten großartige Filmzitate bringen würde wie „Siehst du dort diese alte Oppaunke, scheiß ihm in die Stiefel“, oder Körschgens „So lange man lebt soll man rauchen“, weil jeder der die Filme mag jetzt wahrscheinlich grinsen wird und zwanzig andere Stellen zitieren könnte – und wer’s dumm findet und für unnötigen Klamauk hält (und derer gibt es sicherlich auch einige), wird auch 2011 nicht auf Helges Konzerte gehen.

Tour

 
Jedenfalls kommt Helge 2011 wieder auf Tour („Buxe Voll“ heißt sie) und am 27./ 28. Mai in die Wiener Stadthalle. Dass er wieder auf Tournee geht, hat er auf seiner Homepage folgendermaßen begründet:
 
„Das Fernsehgucken bedeutet mir nicht so viel, nur Columbo. Die Kochsendungen sind nur für Spezialisten, da wird einem schlecht.“
Doch zwischendurch hat er plötzlich einen Anfall: Ein neues Lied, ein Besuch bei „Meerschweinchen in Not“, und so kam es auch, dass er die Idee hatte, im Jahr 2011 wieder auf Tournee zu gehen.
 
Eine sehr empfehlenswerte Dokumentation übrigens, die einen guten Einblick in Schneiders Arbeit gibt, ist „Deutschland deine Künstler“ (andere, ebenso empfehlenswerte Episoden beschäftigen sich mit dem verstorbenen Regisseur und Schneider-Intimus Christoph Schlingensief, wo Schneider auch vorkommt, oder dem sich wieder einmal als sehr sympathischen und intelligenten Gesprächspartner entpuppenden Toten Hosen-Frontmann Campino).
 
Also, nichts wie hin und – sag’s noch mal: Jazz, Jazz, Jazz.
 
 
 
Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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