Lifestyle – Skurriles

(c) rainer stadtbekannt
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Helden von übermorgen – Geschichten aus dem Wiener Fußballunterhaus

1. November 2012 • Skurriles

Heute mit einem Besuch beim Promiclub der Wiener Stadtliga, dem SC Wiener Viktoria, beim ÖFB Cupmatch gegen die SV Ried.

„Hurenkind, du Scheisskreatur, geh sterben!“ – von den Schlachtgesängen der Fankurve des SC Wiener Viktoria kann sich sogar Schimpfkanone Sido noch was abschauen.

Ich stehe mit Respektabstand einige Schritte vom harten Kern der mit vereinzelten rot weißen Fahnen ausgerüsteten Viktoriafans und beobachte die Reaktionen auf den ersten Foulpfiff gegen die Heimmanschaft, die an diesem Tag aufgrund der Untauglichkeit des eigenen Platzes für Cupspiele nicht in Meidling antreten darf, sondern auf den legendären Sportklubplatz in Hernals ausweichen muss.

Die etwa fünfzig Fans im Block unterstützen als einzige der etwa fünfhundert Zuseher im Stadion das eigene Team mit Schlachtgesängen und fallen nicht nur durch ihre Wortwahl, sondern auch durch ihren Kleidungsstil auf: ein junger Mann trägt eine schwarze Jogginghose, die so tief runtergezogen ist, dass man fast die Hälfte seiner rosa Boxershort darunter sehen kann. Weiße Unterhemden erfreuen sich bei stolzen Meidlingern nach wie vor großer Beliebtheit und werden auch bei null Grad Außentemperatur stolz der Frischluft präsentiert.

Der Altersdurchschnitt liegt um die 15, nur ein Herr mittleren Alters steht etwas verloren daneben. Er hat eine Österreichfahne in seine Jacke eingenäht und stimmt immer wieder in die Schlachtgesänge mit ein, beschimpft aber auch manchmal individuell die gegnerischen Spieler oder den Schiedsrichter.

Meidling oder Hernals…

Ich bin irritiert – vom „St. Pauli Österreichs“ (Zitat von Präsident und Alkbottlefrontman Roman Gregory) hätte ich mir doch eine etwas freundlichere Fankultur erwartet. Ich lenke meine Aufmerksamkeit deshalb vom Publikum aufs Spielfeld – ein Fehler, wie sich schon nach wenigen Minuten herausstellt, denn das Spiel ist von unterirdischem Niveau. Als Ried mit der ersten Torchance schließlich doch noch kurz vor der Halbzeit in Führung geht, tritt der Einpeitscher der Viktoria Fans mehrmals mit aller Wucht gegen die Stahltribüne vor ihm. Der Herr mit der Österreichfahne in der Jacke schüttelt mit leerem Blick enttäuscht von Spiel und Leben den Kopf. Der kleine Haufen Riedfans, der sich die Reise aus dem Innviertel angetan hat, entzündet ein einsames bengalisches Feuer, wohl weniger aus tatsächlicher Begeisterung, sondern weil man das Ding ja nicht beim Verlassen des Stadions noch einmal an den Securitys vorbeischmuggeln möchte. Wiener Viktoria gegen Ried – das ist ungefähr so weit von der großen Fußballbühne entfernt wie Meidling von Madrid. „Des san olles Woarme“, krächzt eine ältere Frau neben mir in ihr Handy.

…Hauptsache Wien

In der Halbzeitpause hole ich mir einen hart erkämpften gigantischen Käsekrainer um 4,- Euro, der längst wieder eiskalt ist bis ich ihn auch nur zur Hälfte verspeisen konnte. Zum Unmut der Fans haben die Organisatoren offenbar den „gigantischen“ Fanansturm unterschätzt und es gibt nur einen Würstelstand für drei Tribünen.

Beim Wideranpfiff hallen „Meidllling“ Sprechchöre durch Hernals und der endgültige Beweis für die Existenz des „Meidlinger Ls“ ist erbracht. „Dei Mutter is a Hur“ grölt jemand hinter mir, ein paar Zuseher drehen sich um und schenken dem Schreihals ein fast zärtliches, zustimmendes Lächeln.

Neben mir stehen zwei Viktoria Fans, die fünf volle Krügerl neben sich aufgereiht haben. Zwei davon werden innerhalb der nächsten Minuten während eines Wutausbruchs aufgrund einer vergebenen Viktoria Chance verschüttet, ein weiteres nimmt einer der beiden unmittelbar nach dem Schlusspfiff, rennt damit aufs Spielfeld und knallt es in einem Akt der Verzweiflung auf den Rasen. „Nimm da an Euro für den Pfand und kauf dir an Kaugummi“ schreit er dem Ordner entgegen, der den Becher entsorgen möchte.

Toni Polster bedankt sich bei seinen Spielern, wirklich enttäuscht wirkt er genauso wenig wie irgendjemand sonst in diesem Stadion, wahrscheinlich ist es für echte Emotionen einfach zu kalt. Kurz darauf kommt Roman Gregory vorbei und macht mit seiner Kamera Erinnerungsfotos fürs Familienalbum und bedankt sich bei den Fans für die Unterstützung. Das nennt man dann wohl heimelige Cupatmosphäre. Meidling ist eben anders, auch wenn es an diesem Tag in Hernals zu Gast war.

Andreas Rainer

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