Kultur – Film / TV

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Globalisierungskritik, gelesen von Nina Hagen.

23. Februar 2012 • Film / TV

Globalisierung passiert am Meer. Das Meer ist nicht nur das wichtigste Ökosystem der Welt, es ist auch der wichtigste Handelsraum der Welt. Dass uns Öko egal ist, wissen wir, aber auch beim Handel, der normalerweise wichtiger ist, ist das Meer solange wurst, bis was passiert. Wenn das Öl dann fliesst und die rosaroten Pelikane tiefschwarz und klebrig macht, erinnern wir uns kurz an die Monstertanker. Unsere Welt mag vom Elektronischen überrollt worden sein, aber im Warentransport, der die Basis unseres Wohlstandes ausmacht, hat sich essentiell nichts verändert.

Dem Meer an sich widmet sich der Essayfilm von Allan Sekula und Noël Burch nur kurz; ihr Argument besteht in den Auswirkungen, die der Meereshandel in seiner gegenwärtigen Form auf die Menschen in und um die Häfen hat. Dazu liest Nina Hagens rauchige, dreckige Stimme Sätze wie ‚Die Mitte bricht aus dem Markt weg‘. Die beiden Regisseure sind überzeugte Marxisten; ‚the forgotten space‘ ist kein neutraler Dokumentarfilm oder Ausdruck von Bemühungen um höchstmögliche Objektivität. Ihnen ging es darum, zu zeigen, dass Billigplastikwaren aus China nicht begonnen haben zu fliegen, nur weil wir das getan haben.

Das Sujet des Meereshandels als Linse für Kapitalismusbetrachtungen ist Absicht: in Zeiten unsichtbaren Geldes stehen die langsamen Tanker für die Schwerfälligkeit des Systems. Hier regieren Altersschwäche, Rost und die Bewältigung sehr sehr langer Strecken für die Verteilung von Gütern; der Seehandel ist ein scheinbar obsoletes Relikt aus einer Zeit, in der der Markt noch real war, bevor er unsichtbar wurde wie die Hand, die ihn regelt. Der reale Schweiß, der bei der Seefahrt geschwitzt wird, rückt die südostasiatischen Besatzungen ins Licht der billigsten Billigstarbeit, die immer die Basis unseres ökonomischen Weiterkommens gebildet hat.

Der Film bewegt sich zwischen den drei Superports von Rotterdam, Los Angeles und Hong Kong und jenem von Bilbao, der langsam verwelkt. Die Büchse der Pandorra dieser Entwicklung ist der Container: seine standardisierte Form hat das Transportwesen revolutioniert. Weil wir ihn geöffnet haben, arbeitet im Superport von Rotterdam nur mehr ein einziger Mensch beim Verladen aller Container. Sehenswert, obwohl Sekula und Burch ein bisschen die Zeit übersehen haben – wenn in einer Pressevorführung schon vorzeitig gegangen wird, ist das für gewöhnlich kein gutes Zeichen.

‚The forgotten spaces‘ kommt am 2. März in unsere Kinos.

Maxi Lengger

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