Kultur – Film / TV

Another Year

Glück und Unglück in der Londoner Mittelschicht

23. Februar 2011 • Film / TV8 Kommentare zu Glück und Unglück in der Londoner Mittelschicht

Mike Leigh meldet sich nach „Happy Go Lucky“ mit seinem neuen Film „Another Year“ wieder. Abermals betreibt der britische Regisseur präzise Sozialstudien, der Fokus liegt dieses Mal auf den Londoner Akademikerkreisen.

Das Glück in glücksfernen Zeiten

Tom und Gerri (Jim Broadbent und Ruth Sheen) sind das perfekte Paar: Sie ist Psychotherapeutin in einem öffentlichen Krankenhaus, er ist technischer Geologe. Seit Unizeiten sind sie glücklich verheiratet, ihr Leben spannt sich auf zwischen gemeinsamem Unkrautjäten und Gemüseernten im Schrebergarten, Stippvisiten ihres Sohnes und ihrer besten Freunde und idyllischen Kochabenden. Zusammen mit Joe, ihrem Sohn, bilden sie so etwas wie eine klassische Kernfamilie. Unfassbar harmonisch ist ihr Alltag, kein lautes Wort untereinander, man beschränkt sich auf leise, zärtliche Bekundungen der gegenseitigen Zuneigung  – eine Insel der Seeligen inmitten eines chaotischen, depressiven Umfelds, das ihre Freunde ist.

So perfekt Tom und Gerri sein mögen, so fehlerhaft sind ihre Freunde. Die Freunde ohne ideales Gegenüber, ohne Kinder, die ständig ganz knapp an einer ausgewachsenen Depression vorbeischrammen. Da ist zum Beispiel Mary (Lesley Manville), Gerris Arbeitskollegin, die nur oberflächlich die aufgeweckte, quirlige Mitfünfzigerin spielt und die nach einigen Gläsern Wein nur mehr schwer ihre Einsamkeit und Lebensüberdruss verstecken kann. Oder Ken (Peter Wight), Toms Jugendfreund, ein schwer übergewichtiger Alkoholiker, den der Frust über seinen eigenen Verfall und sein Alleinsein zerfrisst.

Unglück ist nur im Kontrast erfahrbar

Eben jene einsamen Freunde sind Dauergäste bei der perfekten Kernfamilie, kommen aus Sehnsucht nach Gesellschaft und einem Stück dieses Familenglücks und gehen dann doch nur verbitterter und einsamer als zuvor. Anhand der vier Jahreszeiten erzählt Mike Leigh in Another Year von einem weiteren Jahr im Leben der Darsteller, in dem alles unversehrt und harmonisch bleibt bei Tom und Gerri, und die Spirale der Verzweiflung bei den anderen nur immer weiter hinuntergeschraubt wird.

Im Endeffekt geht es in Another Year aber gar nicht um Tom und Gerris perfekte Ehe. Vielmehr funktioniert diese makellose, glatte Familie als eine Art Folie gegen die das Unglück der anderen gehalten wird um diese erst sichtbar zu machen. Tom, Gerri, ihr Sohn Joe: Zusammen bilden sie das Zentrum der Geschichte, der Mittelpunkt, der alle anderen Geschichten zusammenhält, aber ein Zentrum, das so harmonisch und ereignislos ist, dass es an Langeweile grenzt. Aber genau gegen diese Makellosigkeit heben sich die Fehler und Schwächen der besten Freunde umso krasser ab. Bei Tom and Gerri prallt man als Zuschauer an deren glatten Fassaden ab – wirklich greifbar sind die Gescheiterten in Leighs Filmen, Kens auswegloses Leben und Marys einsame Verzweiflung sind es, die einen mitfühlen- und leiden lassen. Und: Jedes Unglück beginnt mit einem Vergleich. Erst vor der Folie der perfekten Familie lässt sich das gescheiterte Leben überdeutlich erkennen und studieren.

Gegensätzliche Realitäten

Aus jenem Kontrast ergeben sich zahlreiche Gegensätze, die Leigh in Another Year thematisiert: Familie und Einsamkeit, Mittel- und Unterschicht, Elterndasein und Kinderlosigkeit, Glück und Unglück. Diese Kontraste sind eingebettet in einem komplexen sozialen Netzwerk zwischenmenschlicher Bedürfnisse.

Und genau darum geht es letztendlich auch: Leighs präzise, fast schon sezierend-genaue Beobachtung sozialer Umfelder dient letzlich nur der Verankerung von Empfindungswelten in der Wirklichkeit. Deshalb gehen seine Filme so nahe. Leighs Filme fragen nie aus der Position eines Außenstehenden heraus: "Wie leben die?" Stattdessen geht es Leigh um eine Frage von Innen: "Wie fühlt es sich an, so zu leben?"

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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8 Antworten auf Glück und Unglück in der Londoner Mittelschicht – Verstecken

  1. Felix sagt:

    Danke für den Filmtipp
    ist der Film schon in den kinos?

  2. Laura Windhager sagt:

    @Felix
    Lieber Felix, ich habe ihn im DeFrance gesehen, da läuft er um 15.00 und um 19.00 Uhr.

    Ich würde dir dieses Kino empfehlen da er dort in OmU läuft und in den übrigen Kinos nur auf deutsch.

  3. Joe sagt:

    und sonst?
    in welchen kinos läuft der film denn noch?

  4. Funi sagt:

    Wir sind hier nicht bei wünsch dir was
    sind manche echt zu doof zum googlen? Ich mein wo soll so ein Film laufen, in den meisten Programmkinos halt.

  5. Joe sagt:

    gemein
    jetzt fühle ich mich verletzt )o:

  6. Joe sagt:

    hmmm
    danke *schnüff* *schneuz*

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