Kultur

Große Geister

Geisterhafte Golems in der Wiener Innenstadt

21. Juni 2011 • Kultur2 Kommentare zu Geisterhafte Golems in der Wiener Innenstadt

Wer unlängst dem Graben einen Besuch abgestattet hat, wird nicht umhin gekommen sein, die vier überlebensgroßen, monumentalen Figuren mitten auf der Straße zu bemerken. Seit Mai 2011 wachen diese pechschwarzen, metallisch glänzenden Krieger über die Wiener Einkaufsstraße. Der bildende Künstler Thomas Schütt ist für die vier Großen Geister verantwortlich.

Seit letztem Jahr ist der Graben in der Wiener Innenstadt nicht nur Flaniermeile für die Reichen und Schönen sondern auch ein öffentlicher Open Air Art Space. Im Vorjahr hat Cosima von Bonins „Tagedieb“ den künstlerischen Auftakt gemacht. Ihr Tagedieb, das war ein Pinocchio mit überlanger Nase, der auf einem überhöhten Stuhl die Passanten überblickte. Ganz in weiß, kindlich-lieb irgendwie.

Nun scheint es fast, als wolle man mit dem diesährigen „Kunstplatz Graben“ Projekt absichtlich gegensteuern: Statt einer bekannten Märchenfigur lungern nun vier schwarze, zweieinhalb Meter große finstere Michelingestalten am Graben, die sich scheinbar wie zufällig unter die Passanten gemischt haben. Ihr Erschaffer, Thomas Schütte, nennt sie „Große Geister“.

Zwischen albtraumhaft und ängstlich

Diese überdimensionalen Golems, die etwas verloren wirken inmitten all der kleinen Fußgänger ringsum, entspringen dem dreimaligen documenta-Teilnehmer und Goldener Löwe Gewinner Thomas Schütte, der in Düsseldorf bei Gerhard Richter studierte und mit seinen Utopiearchitekturen bekannt wurden. Ab Mitte der 1990-er Jahre entstehen nach plastischen Miniaturen aus bemalter Modelliermasse eine Reihe riesiger, humanoider Skulpturen, die Schütte als „Große Geister“ bezeichnet, die einzeln oder in Gruppen aufgestellt eine Kette an Assoziationen lostreten, Assoziationen irgendwo zwischen medialen Astronautenfiguren, biblischen Golems und Trivialtrashkulturausgeburten.

Schüttes Arbeiten changieren oft zwischen albtraumhaft-monströs und verängstigt-harmlos, so auch seine Großen Geister. Biegt man vom Kohlmarkt kommend in den Graben ein, so steht man plötzlich vor überdimensionierten, pechschwarz-glänzenden Riesen in kampfbereiter Haltung, die ikonographisch eher im Science Fiction- und Comicbereich anzusiedeln sind. Die erste, unheimliche Wirkung der Großen Geister beruht primär darauf, dass sie an Urinstinkte und Ängste appeliert, uns an bekanntes Unheimliches erinnert. Tritt man jedoch näher, lässt die anfängliche Verstörung sukzessive nach, das Bedrohliche schwindet mehr und mehr. Je näher man kommt, desto mehr werden aus den wütenden Golems verschreckte, ungelenke Kreaturen, die hilflos um sich zu schlagen scheinen.

Städtische Golems

Diese paradoxe Wirkung erzielt Schütte primär aus den skulpturalen Gegensätzen: Einerseits besitzen die Großen Geister schon alleine durch ihre Größe eine raumgreifende Momunentalität, die durch grobschlächtige, brutale Gliedmaßen und eine seltsam verwischt wirkende Physiognomie noch verstärkt wird. Andererseits jedoch vermittelt die Gestik, der Verzicht auf Sockel, etwas Verängstigtes, das der Monumentalität entgegenwirkt. Die Figuren wirken unfertig, sie erinnern an Golems, die langsam, ziellos durch die Stadt ziehen, nicht mehr wirklich dem Erdrreich zugehörig aus dem sie stammen aber noch verlorener in der Welt, in die geboren wurden.

Wann: 18. Mai 2011 – 2. November 2011

Wo: Kunstplatz Graben, Graben Höhe 21, 1010 Wien

Erreichbarkeit: U1, U3 Stephansplatz 

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

, , , ,

Thomas Schütt - Große geister

Am Graben 21
1010 Wien
http://

 

 

 

Weitere Artikel

2 Antworten auf Geisterhafte Golems in der Wiener Innenstadt – Verstecken

  1. Markus Holm sagt:

    Ich habe mich ziemlich erschrocken
    als ich die zum ersten Mal gesehen habe. Die sind nicht wenig unheimlich. Aber eine interessante Idee, vor allem für den graben wo man sich ja an sonsten selten zu experimentieren traut.

  2. Höö sagt:

    "E"
    Mr. SchüttE! 😉

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »