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Filmkritik: Unter Kontrolle – Eine Archäologie der Atomkraft

1. November 2011 • Film / TV

Kaum eine Branche ist verschlossener und zugleich bedrohlicher, faszinierender und interessanter als jene der Atomenergie. Noch nie gab es einen Film über das Innere von AKWs, die intimsten Einblicke haben wir bis jetzt von Homer Simpsons Job. Volker Sattel begann 2007 mit der Idee, eine Dokumentation über Atomstrom in Deutschland zu machen. Der Zeitpunkt hätte günstiger nicht sein können: Atomstrom hatte sich wieder rehabilitiert, Tschernobyl lag 25 Jahre zurück. Atomstrom zu befürworten ging knapp wieder als umweltbewußte Grundhaltung durch.

Die Laufzeitverlängerung in Deutschland war zum Greifen nahe, man war um Transparenz bemüht, der übliche Schleier lüftete sich kurz, und Volker Sattel gelang es mit seinem Versprechen einer sachlichen Chronik, Zutritt in die bisher unsichtbare Welt hinter den dicken Betonmauern zu erlangen. Dieses Versprechen hat er gehalten: ohne Kommentare aus dem Off kommen lediglich die gefilmten Personen zu Wort, den Rest erledigen die Bilder.

Chronik einer Utopie

Volker Sattel war bei beinahe allen AKWs und atomaren Stätten Deutschlands. Er zeigt uns Atomkraftwerke von innen, er besucht Schulungsstätten und aufgelassene AKWs, Atommülllager und Forschungsstätten. Kein AKW ist jünger als 20 Jahre, man rühmt sich zwar mit der neuesten Technik, was wir gerne glauben wollen, aber die Ästhetik der 80er Jahre prangt von jedem Schild. Die Utopie der Post-Moderne. Risiko und Bedrohung, die übermenschlichen Dimensionen, die futuristische, monströse Allmacht der Technik, die hier größer ist als der Mensch. Atomstrom als kulturhistorisches Experiment, das Wohlstand bringen sollte und schrecklich gescheitert ist.

Die Bilder geben den Anschein scheinbar normaler Arbeitsplätze, es könnte sich auch um jede andere Fabrik oder Industrie handeln, wären da nicht die ständigen Messungen, die an den Mitarbeitern durchgeführt werden, die Schleusen und das gelbe Rad, das vor Radioaktivität warnt, vor dem sich unsereins so fürchtet, und das hier den Stellenwert eines ‚Rauchen verboten‘-Schildes hat. Das Gefährlichste vom Gefährlichsten ist hier normal, Homer Simpson lässt in der Tat grüßen. Die Dramatik der Bilder der explodierenden Reaktoren in Japan vertragen sich so gar nicht mit den Badeschlapfen-tragenden Sachsen, die vor dem Kühlbecken Zeitung-lesend ihre Mittagspause verbringen. AKWs sind eine reine Männerwelt, Boys and Toys, in jenen in Süddeutschland gibt es nicht mal Umkleiden für Frauen.

Geplatzte Allmachts-Träume

‚Unter Kontrolle‘ ist eine Chronik: Das Hin und Her, das unseren Umgang mit Atomkraft kennzeichnet, zieht sich durch die einzelnen AKWs. Der ‚Schnelle Brüter‘ in Nordrhein-Westfalen ging nie ans Netz, weil Tschernobyl in seine Fertigstellung platzte. „Tschernobyl hat uns das Genick gebrochen“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter melancholisch. Die Verbitterung einer Gruppe von Menschen kommt durch, die eine Energieform nutzbar machen wollen, für die die Zustimmung immer weiter abnehmend ist. Die Ruinen des ‚Schnellen Brüter‘ sind zum Vergnügungsareal mutiert, im ehemaligen Kühlturm kann man mittlerweile Karrussel fahren. Die Branche wirkt tot.

Für Volker Sattel ist „jede Information eine Frage der Perspektive.“ Bei kaum einer Frage, bei der es nur um dafür oder dagegen geht, gibt es soviel sachliche Information, die sich an Komplexität schnell dem ungeschulten Betrachter entzieht. Auch die Angestellten des österreichischen AKWs in Zwentendorf sind der Meinung, die Bevölkerung habe bei der Volksabstimmung 1978 eine Entscheidung getroffen, die zu treffen sie nicht ausreichend geschult war. Die Hüter des Ungetüms, das zum Ersatzteillager baugleicher Kollegen in anderen Ländern geworden ist, erzählen von dem Moment, in dem sie erfuhren, dass der gekaufte Sekt nicht feierlich geköpft werden wird: das AKW wird nie ans Netz gehen. Dem geschlagenen Atomkraftbefürworter bleibt nur noch, sich damit zu rühmen, dass Österreich dennoch stolz behaupten könne, ein AKW zu besitzen, sogar das sicherste der Welt.

Versagenswahrscheinlichkeit 10 hoch minus 7

Risiko-Abwehrmechnismen werden stolz und futuristisch präsentiert: beim AKW in Grohnde können zwei riesige Nebelmaschinen in den Himmel gefahren werden, die innerhalb von wenigen Minuten das gesamte Tal in dichten Nebel setzen. Eine geplante Flugzeug-Attacke auf ein AKW ist also ganz und gar unmöglich! Ein anderer Mitarbeiter erklärt die Wahrscheinlichkeit eines Versagens des gesamten Systems: sie liegt bei zehn hoch minus sieben, zehn hoch minus acht Eintrittswahrscheinlichkeit. Das klingt so beruhigend groß, nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen. Im Zwischenlager greift ein Mitarbeiter liebevoll einen Castor an, der trotz der immensen Verbauung der Brennstäbe noch immer Wärme abgibt.

Unter Kontrolle‘ hätte wohl selbst leicht ins Off geraten können, wären nicht die Ereignisse in Japan dazwischen gekommen, zynisch gesagt ist Volker Sattel unglücklicherweise wohl der einzige Mensch auf Erden, der von Fukushima profitiert hat. ‚Unter Kontrolle‘ zeigt die bedrohliche und zugleich faszinierende Welt der Atomkraft, einer Utopie, die ausgeträumt ist, ohne sie zu denunzieren. Derartige Einblicke wird es wohl länger nicht mehr geben. Prädikat: sehenswert.

Unter Kontrolle läuft ab 4. November 2011 in unseren Kinos.

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