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Filmkritik: Stillleben

1. November 2011 • Film / TV

Bernhard beobachtet seinen Vater dabei, wie er einer Prostituierten einen Zettel reicht und kurz darauf mit ihr verschwindet. Daraufhin sucht Bernhard sie auf und findet den Zettel, auf dem der Vater ein Skript für das Intermezzo mit der Prostituierten verfasst hat. "Ich möchte dir gern beim Duschen zuschauen. Du trocknest dich nicht ab. Du setzt dich auf meinen Schoß. Dann trockne ich dich ab. Ich möchte deinen Körper streicheln. Dabei möchte ich dich Lydia nennen." Lydia ist Bernhards Schwester.

Schein der Normalität

Bei einer Sitzung von Ex-Alkoholikern, die die Familie aufsucht, weil sie befürchtet, der Vater könnte rückfällig werden, reicht Bernhard wortlos den Zettel herum. Im weiteren Verlauf beobachtet man die Familie bei ihrer Sprachlosigkeit und Unmöglichkeit, mit dem neuen Wissen umzugehen. Die Kinder lassen die Mutter stehen, diese wiederum begegnet ihrem Mann wortlos, als er mit einem Gewehr bewaffnet das Haus verlässt. Auf ihr emotionslos hervorgebrachtes Plädoyer, sie hätte niemals zugelassen, dass der Vater Lydia etwas antut, reagiert Bernhard schlicht mit ‚Ja genau‘. Der gewollte Rekurs auf Verdrängen und Vergessen ist allgegenwärtig, greift aber zu kurz.

Die Geschwister fechten auch diese Situation in ihrer gewohnten Konkurrenzbeziehung aus. Der Vater, der Bernhard bevorzugt und Lydia scheinbar ignoriert, weil er keine Beziehung zu ihr aufbauen kann, die sie nicht gefährden würde. Und Bernhard, der als Kind eine Kiste mit Fotos von Lydia in der Werkstatt entdeckt hatte, und mit kindlichem Unverständnis über ihre Bedeutung eifersüchtig auf seine Schwester war und nun von Schuldgefühlen geplagt ist. Einzig die beiden Geschwister scheinen sich durch die katastrophale Situation etwas näher zu kommen.

Scham und Sprachlosigkeit

Der Vater reagiert mit Flucht und entzieht sich bedingungslos der Konfrontation mit seiner Familie. Ein lächerlich unmöglicher Banküberfall ist die Spitze der Flucht, die ihn ins Gefängnis bringen soll, um nicht in das Leben in der Familie zurückkehren zu müssen. Zuvor hat er in seiner Werkstatt die Kiste mit den Fotos offen bereitgestellt. Die Informationen sind da, darüber sprechen wird er nicht, soviel ist klar. In dem kurzen Text an die Prostituierte, die von Anja Plaschg aka Soap & Skin gespielt wird, steckt alles, was es zu wissen gilt. Begierde, Scham, und die Unmöglichkeit seines ganzen Lebens, das er im Bett mit seiner Tochter vergessen will. Stattfinden lässt Regisseur Sebastian Meise das Drama in Hollabrunn in Niederösterreich. Das ist wahrscheinlich Absicht.

‚Stillleben‘ wird am 29.10.2011 um 18:30 Uhr im Rahmen der Viennale im Künstlerhauskino zu sehen sein, Tickets gibt es hier.

Maxi Lengger

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