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(c) Stadtkino Verleih
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Filmkritik: Schlafkrankheit

3. August 2013 • Film / TV

Ebbo Velten (Pierre Bokma) ist Arzt der WHO, gemeinsam mit seiner Frau ist er in Kamerun stationiert. Die gemeinsame Tochter reist zu ihrem letzten Besuch an, bevor die Familie geschlossen nach Deutschland zurückkehren soll. Es ist wie das Ende einer Abenteuerreise, bevor man beschließt, wieder seriös zu werden – und heimisch, was in Yaoundé nicht ganz gelungen zu sein scheint.

Ulrich Köhler hat sich an ein sensibles Thema herangewagt, das gleich mehrere brisante Schnittstellen birgt: das Nord-Süd-Gefälle, Europa und Afrika, Gutmenschentum und Kolonialschuld. Ebbo will zu den Guten gehören, einem, der Prinzipien hat und ihnen treu bleibt: keine Bestechungen, kein Vermischen der Internationalen mit Polizei oder Militär. Transparenz mit den Hilfsgeldern der WHO, die sein Projekt finanziert, das die einst epidemische Schlafkrankheit in den Griff bekommen soll.

Schnitt, drei Jahre später: Der junge WHO-Mitarbeiter Alex Nzila (Jean-Christophe Folly) kommt nach Yaoundé, um eine Evaluierung des Projekts vorzunehmen. Das Krankenhaus, das er vorfindet, ist verwuchert, eine einzige Person wird behandelt. Ebbo ist zunächst tagelang verschollen, niemand weiß, wo er ist. Als Ebbo schließlich auftaucht, tut er das als verlorener, frustrierter Mann. Statt seiner deutschen Frau führt er nun eine Beziehung mit einer Kamerunerin, die ein Kind von ihm gebiert, was ihn allerdings beides nicht wirklich zu berühren scheint.

Alex, Franzose und Sohn kongolesischer Einwanderer, ist hier völlig orientierungs- und hilflos – es ist dies das erste Mal, dass er die Schreibtischrealität der WHO gegen eine Mission tauscht und auch das erste Mal, dass seine Selbstwahrnehmung als Europäer auf den Prüfstand gebracht wird. Ebbo entzieht sich ihm zur Gänze, ein Mann, der sich gänzlich aufgegeben hat und scheinbar hofft, dass ihn das Einstellen des Projekts zur Rückkehr nach Europa zwingen wird, die ihm alleine nicht gelingt. Die Schlafkrankheit, die er bekämpfen soll, scheint ihn im metaphorischen Sinne selbst ergriffen zu haben.


Die Welt der privilegierten Außenseiter

Ulrich Köhler wollte keinen Film über Afrika machen, sondern einen Film über in Afrika arbeitende Europäer. Und er dürfte wissen, wovon er spricht: Köhlers Eltern waren als Entwicklungszusammenarbeiter, damals noch Entwicklungshelfer, im damaligen Zaire stationiert, auch er musste seinen Eltern in eine hessische Kleinstadt folgen und kehrte für den Dreh zu ‚Schlafkrankheit‘ in das Krankenhaus zurück, in dem sie arbeiteten.

Ob die Branche jemals die Transformation geschafft hat, die der sprachliche Wandel von den Helfern zu den Zusammenarbeitern impliziert? Ulrich Köhlers Film wirft viele Fragen auf, die nicht neu sind, auf die wir aber trotzdem keine Antworten haben. Ein schöner und ehrlicher Blick auf Heimatlosigkeit und Identitätssuche.

Maxi Lengger

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