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Michael

Filmkritik: Michael

17. September 2011 • Film / TV4 Kommentare zu Filmkritik: Michael

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Das Regiedebüt von Markus Schleinzer zeigt den Alltag eines pädophilen Mannes, der ein Kind in seinem Keller gefangen hält. Michael ist ein Allerweltstyp mit einem Allerweltsnamen, den ihm der Regisseur auch im Hinblick auf die hebräische ursprüngliche Bedeutung des Namens verliehen hat: Michael ist der, der sich an die Stelle Gottes setzt.

‚Michael‘ ist nach dem Täter benannt, was bereits Schleinzer’s Einschlag auf das heikle Thema zeigt. Während wir ständig gezwungenermaßen Voyeursperspektiven einnehmen, wenn verwahrloste Kinder in Linz auftauchen, die so abgeschirmt waren, dass sie ihre eigene Sprache entwickelt haben, Natascha Kampusch aus ihrem Verlies entflieht und die Fritzl-Kinder aus dem Off auftauchen, zeigt dieser Film das Leben und die Person des Täters. Selten hat es sich so unangenehm unadäquat und höchstprivat angefühlt wie in den zahlreichen Missbrauchsfällen der letzten Jahre, informiert sein zu wollen und dabei ohne Voyeurismus nicht auszukommen. Schleinzer schrieb das Drehbuch mit der bewussten Intention, den Täter in den Mittelpunkt zu rücken und eine Perspektive zu bieten, die es dem Zuschauer verunmöglicht, den Täter rein als Monster zu sehen, das keine Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Identifikation mit dem Unzumutbaren

Denn dies tut Michael zur Genüge. In seiner verklemmten Spießigkeit mit dem ausgeprägten Kontrollwahn erinnert er an jemanden, den jede/r von uns kennt und niemand sein will. Es reicht aber dennoch nicht, um zu sagen, man hätte wissen müssen, wozu dieser Mensch fähig ist. Seine ausgeprägte soziale Schwäche und die Zurückgezogenheit in das penibel in Ordnung gehaltene eigene Leben werden durch das Geheimnis, das er hütet, zur Notwendigkeit, es ist aber dennoch nur der Auslöser und nicht der Grund. Seine eigene Familie, die stellenweise vorkommt, besticht selbst durch maximale Verklemmtheit; seine Mutter wirkt wie ein Fisch und kann wohl selbst nicht erfolgreich vorgezeigt haben, wie man lebt. Michael tut zwar alles, um zwischenmenschlichen Kontakt abseits des Kindes großflächig zu vermeiden, muss sich dabei aber auch nicht übermenschlich anstrengen, da das große zwischenmenschliche Interesse ohnehin ausbleibt.

Der Film zeigt uns auch, dass wir den spießigen Allerweltstyp als den Prototyp von höflich und normal sehen und nicht als den unaushaltbaren Durchschnitt, den niemand wirklich ehrlich selbst verkörpert, und der deswegen bereits ein Hinweis darauf sein sollte, dass bei Michael einiges nicht richtig läuft. Das Haus ist peinlich sauber, das Hemd immer eingesteckt und jede/r wird freundlich gegrüßt, wenn auch nicht mehr. Auch in seiner Beziehung zu dem Kind dominiert Kontrolle und Ordnung, die Vergewaltigungen werden im Kalender notiert und auch das Kellerkind darf nur bis neun Uhr fernsehen. Funktionalität wird vorgeschoben, um jegliche Ängste zu verdrängen, und beim kleinsten Kontrollverlust verliert Michael auch über sich die Kontrolle.

In Michaels Sehnsucht nach einer zwischenmenschlichen Beziehung ist er so menschlich, dass man ihn weniger abstoßend findet, als man möchte. Dies gepaart mit seiner Gewalttätigkeit und der grundsätzlichen Unmöglichkeit der Lebenswelt, die er sich gottartig zusammengebaut hat, macht ihn unerträglich, und das, obwohl der Film auf direkt grausame Szenen verzichtet. Wir sind nicht dabei, wenn Michael das Kind im Keller vergewaltigt, aber wir sehen den Griff zum Gleitgel und die Körperhygiene danach, und das ist schlimm genug.

Das namenlose Opfer

Seiner Figur 90 Minuten lang so nahe zu sein ist schwer zu ertragen, und die publikumstherapeutische Wirkung bleibt beharrlich aus. Michael wird nicht rehabilitiert, entschuldigt, oder auch nur erklärt oder gemildert. Es gibt keine Erklärungen und keine glückliche Wende, weder Anfang noch Ende der Entführung sind gewiss, noch Näheres über das Opfer, das sehr souverän von David Rauchenberger gespielt wird.

Wie irrelevant die Person des Kindes über die Funktion hinaus ist, die Michael zur Gänze vorbestimmt, zeigt sich, als er panisch ein Grab im Wald aushebt, als das Kind krank wird. Das Kind ist die Personifizierung der Ohnmacht in der Beziehung und doch wütender und aggressiver, als bis jetzt von den zahlreichen realen Entführungsfällen berichtet. Erst zum Schluss fällt auf, dass es passenderweise namenlos geblieben ist: während der Täter, sehr glaubwürdig gespielt von Michael Fuith, dem Film sogar den Namen stiftet, bekommt das Kind erst im Abspann einen.

‚Michael‘ bleibt distanziert und nüchtern, und entwickelt seinen Schrecken in den Details der täglichen Handlungen, die nur durch den Kontext ihre Bösartigkeit entwickeln. Der Film ist absolut sehenswert, eine gelungene Gratwanderung in einem Thema, das eine Zumutung ist, die dennoch zumutbar bleibt.

Fotos: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion / Stadtkino Filmverleih

(Maxi Lengger)

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4 Antworten auf Filmkritik: Michael – Verstecken

  1. Video 2000 sagt:

    Sehr gut geschriebene Kritik
    kann man so stehen lassen. Gleich als Debüt eine so gelungene Charakterstudie abzuliefer, die zugleich die Sehgewohnheiten der Zuschauer ordendlich durcheinander wirbelt, das lässt auf einen neuen Stern am österreichischen Filmhimmel hoffen.

  2. Peter sagt:

    Sehr guter Film
    Es ist aber nur das Spielfilm Debüt von Markus Schleinzer. Als Casting-Direktor oder Schauspieler hat er schon viel erfahrung sammeln können, was man dem Film auch anmerkt.

  3. Sarah H. sagt:

    Kann den Film auch sehr empfehlen
    Schwer auszuhalten aber sehr gut gespielt und interessant.

  4. Anna sagt:

    Wann
    wann läuft der denn wo? Hört sich interessant an!

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