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Filmkritik: Jonas

2. Dezember 2011 • Film / TV

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Christian Ulmen schlüpft in die Verkleidung eines 18-jährigen Problemschülers, der im dritten Anlauf seine letzte Chance auf einen Schulabschluss wahrnimmt. Begleitet wird er dabei von einem Kamerateam, von dem die Schule glaubt, dass es eine tatsächliche Reportage über den Schüler dreht.

Christian Ulmen hat in der kurzen, aber phänomalen Serie ‚Mein neuer Freund‘ eindrücklich bewiesen, dass er glaubwürdig in andere Charaktere schlüpfen kann: als paranoider Kiffer Ecke oder im Gewand des verhaltensauffälligen Uwe terrorisiert er ein Wochenende lang Menschen, die währenddessen ihr Umfeld davon überzeugen müssen, dass der fragwürdige Zeitgenosse ihr neuer Freund ist. In JONAS stehen die Vorzeichen anders: Ulmen wollte sich für die Mockumentary in ein bestehendes Gefüge begeben und dieses vorrangig zeigen, nicht vorführen.

Per Definition ist eine Mockumentary ein fiktionaler Dokumentarfilm, der einen echten Dokumentarfilm oder das ganze Genre parodiert. JONAS ist an der Grenze zum Spielfilm angesiedelt: dokumentarische Authenzität durch das Schulumfeld gepaart mit konzertierten Spannungsmomenten, die mit dramaturgischer Spontanität eingebaut werden. Damit ist es auch dezidiert etwas anderes als Borat und Uwe, vielleicht sogar ein neues Genre. Ulmen war gelangweilt von der Provokation, die von diesen Figuren ausging. Für JONAS sollte das Umfeld so durchschnittlich wie möglich sein. Die Paul-Dessau-Gesamtschule im Speckgürtel von Berlin ist genau das: eher fähige und eher unfähige LehrerInnen halten sich hier die Waage, Kreativität wird gefördert, Gewalt und Kriminalität sind Fremdwörter, Waldorf-Pädagogik hingegen nicht. Abends trifft sich die Klasse am Parkplatz vor dem Getränkehändler zum Trinken, und selbst hier legen die Fünfzehnjährigen bereits Wert auf Maß und Ziel. Komatrinken: Fehlanzeige. Einzig der Chemielehrer ist äußerst fragwürdig, der auf einen verpfuschten Test der Klasse mit einer Hartz-IV-Drohrede reagiert.

Was soll denn aus Deutschland werden, wenn ihr nichts lernt?

Die in der Schulzeit verwurzelten Ängste waren Ulmens Motivation für JONAS. Wieviele Leute wälzen noch Jahre nach dem Studienabschluss in ihren Albträumen Schlüsselsituationen der Schulzeit? Die Erlebnisse aus der Schule sitzen tief, vor allem die Angst vorm Scheitern und davor, bloßgestellt zu werden. All das bleibt aber im Hintergrund: Christian Ulmen ist eben doch Schauspieler. Die wahren Geschichten in JONAS sind vorprogrammiert: eine doch sehr klischeehafte Liebesgeschichte und eine Band, die der ein bisschen anstrengende Pilzkopf zusammenstellt. Dazu ein Soundtrack mit Deichkind und den Sternen und fertig ist das deutsche Schulhofmärchen.

JONAS schwankt somit zwischen Ulmens Ein-Mann-Theater und richtiger Dokumentation und kann sich für weder noch wirklich entscheiden. Was in ‚Mein neuer Freund‘ eine Stärke war, wirkt hier im Großen und Ganzen sehr gekünstelt.

JONAS kommt am 20. Jänner 2012 in unsere Kinos.

Maxi Lengger

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