Kultur – Film / TV

© Gekaufte Wahrheit

Filmkritik: Gekaufte Wahrheit

5. Oktober 2011 • Film / TV

  • © Gekaufte Wahrheit
  • © Gekaufte Wahrheit

Unfreie Wissenschaft stellt in jedem Fachgebiet einen suboptimalen Zustand dar. Im Bereich von Nahrungsmitteln ist diese Situation besonders prekär, und nirgends sollte mehr Vorsicht geboten sein als wenn sich Gentechnik und Lebensmittel treffen. Dass diese Vorsicht nicht ausgeübt wird, ist Gegenstand der neuen Dokumentation von Bertram Verhaag.

In ‚Gekaufte Wahrheit – Gentechnik im Magnetfeld des Geldes‘ zeigt der deutsche Regisseur anhand von zwei Wissenschaftern, wie aggressiv die Branche gegen Dissidenten vorgeht, die das heilige Mantra in Frage stellen. Das handelt von der Möglichkeit der Koexistenz zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und solchen, die naturbelassen sind, ohne zwangsläufige Auswirkungen der gentechnisch veränderten Pflanze auf die Andere.

Schmutzkampagne gegen Wissenschafter

Ignatio Chapela traute sich, dem zu widersprechen, als er in Mexiko, dem Mutterland des Mais, auf gentechnisch veränderten Mais stiess. Das Land ist die Mutter des Mais, aus ebem diesem Grund entschied man sich dagegen, gentechnisch veränderten Mais zuzulassen, um das genetische Reservoir zu bewahren. Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse hatte zur Folge, dass das Magazin zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Artikel zurückzog – eine gänzlich unübliche Vorgangsweise in den Wissenschaften. Das normale Prozedere besteht im Testen und erneutem Testen – vorhergegangenen Forschungsprojekten zu widersprechen oder sie zu falsifizieren formt Teil des normalen Verlaufs von Wissensakkumulation. Der Chemie- und Saatgut-Konzern Monsanto hatte mithilfe des damals revolutionär neuen Viral Marketings den Wissenschafter und seine ungeliebten Forschungsergebnisse erfolgreich diskreditiert.

Für die Beendigung der Karriere des ungarischen Wissenschafter Árpád Pusztai war ausschlaggebend, dass er in einem kurzen TV-Interview angab, selbst gentechnisch manipulierten Nahrungsmitteln nicht zu trauen. Er empfahl Langzeittests, um den Status quo dahingehend zu verändern, dass nicht die KonsumentInnen die Versuchspersonen darstellen. Zuvor hatte er in einer Studie an Ratten entdeckt, dass diese nach dem Verzehr von gentechnisch veränderten Kartoffeln Schäden am Immunsystem und ein verändertes Organwachstum sowie eine höhere Sterblichkeit beim Nachwuchs aufzeigten. Pusztai wurde gekündigt, seine Arbeiten konfisziert und mit Sprechverbot versehen, nachdem das Institut vom damaligen Premier Tony Blair dazu genötigt wurde.

Wissensvermittlung trifft Kitsch

Der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm nennt sich selbst einen politischen Thriller. Das mag etwas übertrieben sein, aber das Thema ist in der Tat etwas in die Versenkung geraten. Aus dieser will Verhaag es eindeutig herausholen, wiewohl er sich nicht entscheiden kann, ob ein Porträt der involvierten Personen oder Wissensvermittlung dabei rauskommen soll, was dazu führt, dass er von Zeit zu Zeit am Kitsch streift. Dem reisserischen Titel wird der Film damit stellenweise gerecht.

Was aber erfolgreich gelingt zu zeigen, ist der äußerst fragwürdige Einfluss von Konzernen auf ForscherInnen, und die hohe Bereitschaft der Branche, sich diesem Einfluss zu fügen. Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind längst in unser aller Munde. Das Ausmaß, zu dem wir auch die Versuchstiere für unser Essen sind, und wie starr die Dogmen der Moderne den Diskurs über die Natur und Ressourcen beherrschen, ist gewaltig. Dafür nimmt man auch die Sequenzen in Kauf, in denen die Protagonisten beim Musizieren gezeigt werden.

‚Gekaufte Wahrheit‘ ist ab 14. Oktober in unseren Kinos zu sehen.

Maxi Lengger

, , , , , , ,

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »