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Filmkritik: Atmen

22. September 2011 • Film / TV1 Kommentar zu Filmkritik: Atmen

Der 19-jährige Roman sitzt seit seinem 14. Lebensjahr in der Jugendstrafanstalt ein. Die Straftat, die er begangen hat – Totschlag – und seine Lebensumstände scheint er so wenig zu spüren wie sich selbst. Aber seine vorzeitige Entlassung steht im Raum, und für die braucht er eine Erwerbstätigkeit.

Seine letzten Versuche, eine Beschäftigung zu finden, blieben erfolglos, und es fällt dem Zuseher nicht schwer, sich vorzustellen, woran das gelegen hat. Unnahbar und schweigsam, antriebslos und verloren driftet er in seinem Alltag der kleinen Zelle dahin, ohne Eile oder Eifer, diese verlassen zu dürfen. Den Weg zurück ins Bewußtsein findet er über eine Beschäftigung, die zunächst alles andere als das Leben verspricht: als Leichentransporter bei einem Wiener Bestattungsunternehmen.

Roman ist ein Heimkind, an dessen Verschwiegenheit und Lethargie selbst sein hartgesottener Bewährungshelfer verzweifelt. „Auf alles scheissen und dann wundern, wenns stinkt“ ist nicht so sehr eine bewußte Lebenseinstellung des Jungen, vielmehr das Resultat eines Lebens gekennzeichnet von Mangel, das auf einem beinahe vorgezeichneten Weg mit der Kriminalität kollidiert, wiewohl man sich das ob der Verschrecktheit des Betroffenen gar nicht ernsthaft vorstellen kann. Roman wirkt an vielen Stellen wie ein Kind, das sich dennoch in einer durchwegs so ernsten Lage befindet. Genau das wollte Markovics erreichen und castete den 17-jährige Thomas Schubert für die Rolle, der in dem Film seine ersten schauspielerischen Schritte macht.

"Die richtige Leich.."

Unter dem rauhen Personal des Bestattungsunternehmens und der beklemmenden Erfahrungen als Dienstleister in der ungeliebten Branche des Todes lernt Roman das Mantra. „Die richtige Leich im richtigen Sorg, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Als er auf eine weibliche Leiche mit seinem Nachnamen trifft, bringt dies den Stein ins Rollen: Roman will wissen, wer seine Mutter ist, und warum sie ihn weggegeben hat. Über den herben Mitarbeiter Rudi, eine für Georg Friedrich quasi massgeschneiderte Rolle, findet Roman auf Umwegen und über Konfrontationen einen Zugang zu der neuen Arbeits- und Gefühlswelt, die sich ihm auftut. In einer Schlüsselszene des Films wäscht Rudi fast zärtlich die Leiche einer alten Frau, während der Leiter der Bestattungseinheit deren Schwiegertochter psychologisch betreut. Über die Begegnung mit dem Tod findet Roman letztlich auch den Zugang, sich mit jenem Todesfall, den er selbst zu verschulden hat, zu beschäftigen.

Wer atmet, lebt

Atmen ist neben einem Grundbedürfnis zugleich ein Synonym für Freiheit, und vor allem der entscheidende Unterschied zwischen Leben und Tod. Als wiederkehrendes Motiv im Film wird dies in wiederholten Unterwasserszenen im Schwimmbad der Jugendstrafanstalt gekonnt in Szene gesetzt.

Karl Markovics hat sich für sein sozialrealistisches Regiedebüt mit Leben und Tod keine leichten Themen ausgesucht, und erntet bereits die Früchte für diese Bemühungen. ‚Atmen‘ wurde in Cannes uraufgeführt und bereits von der Austrian Film Commission als potentieller Oscar-Kandidat nominiert. Prädikat: sehenswert!

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Eine Antwort auf Filmkritik: Atmen – Verstecken

  1. Simon Sorcerer sagt:

    Gut geschrieben
    Hat mich überzeugt, den Film sehe ich mir an. Dass in dem Markovics einiges mehr als ein Hanswurststeckt ist find ich schon seit Kommissar REx Tagen klar. Eine serie die mit ihm existierte und starb.

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