Kultur

Birgit Jürgenssen Raubvogel

Eros und Ekel. Die (Wieder-) Entdeckung der Birgit Jürgenssen

8. Februar 2011 • Kultur

Spät aber doch wird Birgit Jürgenssens Œuvre in Österreich rezipiert. Jene Künstlerin, die die Kuratorin der Jürgenssen-Schau Gabriele Schor der „Feministischen Avantgarde“ zurechnet, feierte international bereits in den 1970er Jahren erste Erfolge, erfuhr hierzulande aber außer einer kleinen Werkschau in Linz nie wirklich Öffentlichkeit. Das soll die große Retrospektive im Kunstforum nun ändern.

"Wie erfährt man sich im anderen, das andere in sich?"

Rund 250 Arbeiten, darunter auch einige bisher unbekannte aus Jürgenssens Nachlass, zeigt das Kunstforum gemeinsam mit der Sammlung Verbund. Die ausgestellten Werke umfassen Druckgrafiken, Zeichnungen, fotografischen Inszenierungen, Skulpturen und performativer Körperkunst und zeigen wie vielschichtig und stilistisch mannigfaltig das Schaffen der Künstlerin in mehr als drei Jahrzehnten war.

Trotz dieser Diversität der Darstellungsweisen und der Differenziertheit der verwendeten Medien, die viel von den späteren postfeministische Praktiken vorweggenommen haben, ziehen sich literarische, philosophische und psychoanalytische Bezüge sowie das Spiel mit Metamorphosen durch ihr Œuvre. Und genau hier muss man das Problem der Ausstellung verorten: Auf jene werkimmanenten Diskurse wird von Kuratorenseite kaum Rücksicht genommen.

Die Kuratorinnen Gabriele Schor und Heike Eipeldauer schneiden zwar in den begleitenden Paratexten ab und dann oberflächlich die psychoanalytischen Implikationen oder philosophischen Referenzen mancher Werke an, jedoch bleibt das Hauptaugenmerk Ausstellung auf Jürgenssens Körperkunst sowie deren Auseinandersetzung mit Frauenleben bestimmenden Dienstleistungsverbund von Sexualität, Ernährung und Mutterschaft. Leider wirkt aber die Ausstellung durch diese einseitige Betrachtung von Jürgenssens Schaffen schnell ziemlich langweilig.

Und selbst wenn die Kuratorinnen bei einer rein feministischen Fokussierung und Untersuchung von Jürgenssens Œuvre geblieben wären: Das größte Problem der Ausstellung ist m.E. die Hängung. Es gibt keine klar ersichtliche Strukturierung, die Werke hängen weder (der primitivsten Gliederung nach) chronologisch oder nach Medien gruppiert. Man wandert etwas hilflos durch die Ausstellungsräume, es gibt keine Wandtexte, die erläutern weshalb ausgerechnet jene Werke zusammengedacht gehängt wurden, die Auswahl wirkt willkürlich und holprig. Hier werden Jürgenssens Sprachspiele kommentarlos ihren frühen Schuhobjekten gegebübergestellt, ohne dass sich hier eine Form künstlerischen Dialogs entwickeln könnte. Es werden nur klingende Zitate der Künstlerin an die Wände geklebt, die sich jedoch auch nur schwer auslösen lassen. So lassen die Kuratorinnen Jürgenssen fragen: "Wie erfährt man sich im anderen, das andere in sich?", eine Frage in der Rimbauds „Ich ist ein anderer“ quasi semantisch homophon mitschwingt. Die Frage lässt sich aber nur unzureichend mit den im Raum ausgestellten Kunstwerken beantworten, es fehlt stets ein erklärendes Bindeglied zwischen den teilweise provokanten Aussagen und den Werken.

Statt dieser etwas beliebig wirkenden Hängung wäre es vielleicht erhellender gewesen, thematisch verwandte Kunstwerke zu gruppieren. So sind Jürgenssens Körperperformances sicher ein zusammenhängender Werkkomplex, genauso wie ihre Maskierung und Mensch-Tier-Verwandlungen, die gesellschaftliche und kulturelle Konstruktionen, sozialer als auch kultureller Codes, die patriarchalen Dogmen von Weiblichkeit selbstironisch und subversiv reflektieren. Spannend wäre es auch, ihre Sprachbilder- und Spiel mit ihrer intensivem Beschäftigung mit den französischen Strukturalisten oder ihre naturmorphologischen Verwandlungen und Hybride mit der Ethnologie von Claude Lévi-Strauss zusammenzudenken und zu untersuchen. Oder das Ineinanderwirkung von Eros und Ekel, von Klischees und Kritik.

Leider bleibt so das implizite Spannungsverhältnis, das Jürgenssens Kunst auszeichnet, bei dieser Ausstellung auf der Strecke.

Birgit Jürgenssen, Bank Austria Kunstforum, 16.12.2010–6.3.2011, Freyung8, WienI, tägl. 10–19Uhr.

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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Bank Austria Kunstforum

Freyung 8
1010 Wien
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Zusätzliche Information (_VenueURL): http://www.bankaustria-kunstforum.at

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