Wien – Gut zu wissen

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Ein Tempel im Rosengarten

8. Mai 2013 • Gut zu wissen

Was macht ein Tempel in einem Rosengarten?

Viele Wiener verstehen Kitsch als eine Teildisziplin der Geschichtsdeutung. Oder der Vergangenheitsbewältigung. Vielleicht liegt das an den vielen Palaisfassaden, vielleicht am Personenkult. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem an der Tatsache, dass Wien sich gegenüber Touristen mit Geschichte argumentiert. Und mit Musik.

Der Wiener ist aber auch beim Kitsch sehr indifferent: Er belächelt den Japaner, der jede Hauswand als Kulturgut fotografiert, und den Deutschen, der im Souvenirshop Sisi- und Franzl-Büsten ersteht. Trotzdem kennt er alle drei Sisi-Filme auswendig und Romy Schneider konnte noch so oft sagen, dass sie den Nimbus dieser Rolle endlich los sein will – es glaubt ihr ja doch keiner.

Der Volksgarten ist diesbezüglich ein feines Fallbeispiel. Dieser Park, der zunächst den Erzherzögen vorbehalten war, 1823 dann für das Volk geöffnet wurde, spannt eine absurde Klammer: Die Wege wurden zur besseren Volksbeobachtung symmetrischst angelegt. Zugleich wurden Pflanzen, ursprünglich vor allem Flieder und Rhododendren gesetzt. Möglicherweise wurde das von Kaiser Franz I. angeordnet, der als einziger Doppelkaiser, aber auch als ausgebildeter und leidenschaftlicher Botaniker in die Geschichte einging. Heute ziert ein Rosarium – über 5500 Hochstamm-, Beet-, Schling- und Strauchrosen – den Volksgarten. In diesem Spannungsbogen zwischen Überwachung und dem Duft der Freiheit hat in Wien fast die ganze Geschichte Platz: vom klassizistischen Theseustempel bis zum Karl-Renner-Gedenkrosenstrauch. Den Tempel, der seit 2010 wieder reinweiß strahlt, ließ Kaiser Franz zwischen 1819 und 1823 von Peter von Nobile bauen – als Souvenirschrein. Er hatte von einer Italienreise die Theseusskulptur von Antonio Canova mitgebracht. Jeder kennt das, im Urlaub schaut so ein Mitbringsel viel kleiner aus, passt sicher perfekt dort- oder dahin. Franz befand, die Skulptur würde sich gut in einer Nachbildung des Athener Hephaisteions (auch Theseion oder Theseum) machen: 14 Meter breit, 24,7 lang, 10,5 hoch. Dieser sechssäulige Ringhallentempel dorischer Säulenordnung bot in seinen Katakomben von Anfang an Platz für Teile der kaiserlichen Antikensammlung und bis 1890 auch für die Canova-Skulptur, die dann ins Kunsthistorische Museum überstellt wurde.

Wer eine Pause von der Kitschichte braucht, lässt sich auf einem der unzähligen Parksessel des Volksgartens nieder. Was bis in die 1960er-Jahre in manchen Teilen des Volksgartens noch mit einem „Sesselgeld“ zu bezahlen war, ist heute ein wunderbares Motiv – wenn die ersten Sonnenstrahlen den Frühling eröffnen und die Wiener eben diese Parksessel besiedeln. Oder man bestellt eine Melange in der Meierei oder im einstigen Corti’schen Kaffeehaus (als ein On-Top-Auftrag ebenfalls von Nobile erbaut), in dem schon Johann Strauss Vater und Joseph Lanner auftraten. Und wo angeblich am 10. März 1867 Johann Strauss Sohn zum allerersten Mal seinen Donauwalzer dirigierte. Diese Café-Restaurant-Disco-Evolution ist Prominenz gewohnt. Von Politikern über Künstler, vom Volk bis zum Volksnahen. Von den Grillparzers und Beethovens des 19. Jahrhunderts über Ella Fitzgerald und Joe Zawinul im 20. Jahrhundert, bis zu den Jungen, denen heute die Welt gehört. Die ersten Besucher des Parks machten hier nach jeder Runde einen Stopp, um ein Glas Wasser oder Saft zu trinken, was dem Volksgarten den Beinamen „Ochsenrunde“ einbrachte. Wobei das wahrscheinlich eine Legende ist, abgeleitet von einem anderen Park, in der die Adeligen tatsächlich nur im Kreis gehen konnten.

Im Jahr 2000 wurde der Volksgarten um eine Facette der Wien-Geschichte reicher: Ein alter Rosenstrauch wurde vor dem Geburtshaus von Karl Renner im tschechischen Dolní Dunajovice (früher Unter-Tannowitz) aus- und im Volksgarten eingegraben. Renner war erster Kanzler der Ersten und später auch der Zweiten Republik.

Es wäre pathetisch, den Volksgarten zum Symbol des Wiener Geschichtsgemüts zu erklären. Aber das ist ein griechischer Tempel doch auch.


„Darf’s a bisserl mehr sein?“

Weitere Fragen zu Wien und deren interessante Antworten findest du in Wann verlor das Riesenrad seine Waggons? von Axel N. Halbhuber erschienen im Metroverlag.

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