Lifestyle – Skurriles

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Ein Tag am Donauinselfest

25. Juni 2012 • Skurriles

„A Eitrige, bittsche!“ – eine von sieben Millionen Würsteln, die am Donauinselfestwochenende umgesetzt werden, wandert in diesem Moment in den weit aufgerissenen Mund eines älteren Herren. Am Jägermeisterstand nebenan stehen drei rosa Papphüte tragende Steirer, die mit gut geölten Stimmbändern zu „Anton aus Tirol“ mitgrölen, während eine kleine grüne Flasche nach der anderen ihres Inhalts entledigt wird. Länger als ein paar Stunden werden sie nicht durchhalten, ich allerdings muss bis zum bitteren Ende bleiben. Der Plan klingt simpel: Von der U-Bahnstation Kagran bis zur FM4 Bühne das Donauinselfest in all seinen Facetten erleben – und überleben.

14:00

Schon jetzt ist die Insel gut gefüllt. Auf der ersten Bühne spielt eine junge Dame im roten Schottenrock einen undankbaren Auftritt vor fünf Zusehern. Ich beschließe, schnell weiterzumarschieren, Live-Auftritte ohne Publikum erzeugen in mir immer dasselbe mulmige Gefühl wie die Barbara Karlich Show. Weiter geht’s zur Menschenrechtsbühne, die sich aufgrund ihres konstant miesen Line-Ups und dem damit verbundenen geringen Zuseherinteresse ihre Stellung als Ruhezone am Donauinselfest aufgebaut hat.
Schon von weitem höre ich den monotonen Beat von der Puls4 Bühne heranwehen. Ein halbnackter Herr auf der Bühne macht den Vortänzer für die versammelten Scooter-Fans, die begeistert durch den kiloweise aufgewirbelten Staub stampfen. Nicht nur die Feinstaubbelastung macht mir zu schaffen, auch die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel, meine dicke schwarze Jean fühlt sich an, als würde sie in Flammen stehen. Um nicht jetzt schon zu kollabieren stelle ich mich bei einem der rar gesäten öffentlichen Wasserspendern an, bei dem ein älterer Herr gerade seine 1,5l Flasche bis zum Rand auffüllt, was aufgrund der Dünne des Wasserstrahls und der Zielgenauigkeit des Herren endlos dauert. Im Zustand der akuten Dehydration erscheint mir eine Fata Morgana in der Gestalt von zwei Männern im Ganzkörperpolyesteranzug, die von den umstehenden Gästen als Fotomotive missbraucht werden. Auch ich wage einen Schnappschuss, lösche diesen aber nach genauerer Betrachtung schnell wieder, da sich unter dem engen Kostüm des einen sein halberigiertes Geschlechtsteil deutlich abzeichnet.

Auf den Schock hin vergesse ich das Wasser und bestelle stattdessen das erste Bier, welches auch bitter notwendig ist, um mich auf Fußballgott Hans Krankl vorzubereiten, der auf der Radio Wien Bühne in diesem Moment eine Ballade in bestem Krankl-Wienerisch anstimmt und dann noch eine beängstigende Coverversion von „Hey Jude“ nachlegt. Davon unbeeindruckt führt neben mir eine Gruppe Deutscher eine Art Siegestanz zu Ehren ihrer Nationalmannschaft auf, der vor allem durch die simple Choreographie überzeugt, die großteils aus Aufstehen und wieder Hinsetzen besteht.

18:00

Ich erreiche die U6 Brücke und beobachte eine zeitlang gebannt den völkerwanderungsähnlichen Zustand, durch den immer neue Menschen auf die Insel gespült werden. Im Vorteil sind jene Besucher, die schlauerweise ihren Kinderwagen mitgebracht haben und diesen nun als eine Art Rammbock einsetzen, um sich eine Schneise durch die Massen zu bahnen. Die Sicherheitskontrollen am Eingang der Insel werden eher halbherzig durchgeführt, offenbar besteht für Frauen aber Zwang zur Bauchfreiheit, denn zumindest jede zweite verschafft ihrem Bauchnabel an diesem Tag einen Platz an der Sonne. Leider befolgen auch einige männliche Bierbauchträger die inoffizielle Kleidervorschrift. Ich komme am ÖBB Stand vorbei, wo ein DJ auflegt und zwei muskulöse junge Herren, im Hauptberuf Zugschaffner, begeistert abshaken und die Umstehenden vergeblich zum mittanzen animieren wollen. Ich mache eine geistige Notiz, beim nächsten Mal Westbahn zu fahren.

22:00

Nach einem Boxenstopp und etlichen weiteren Bieren bei der ATV Rockbühne, auf der eine mir unbekannte Band Gitarrenstücke mit originelle Namen wie „Too Young To Die“ oder „Hardrock Comes Easy“ zum besten gibt, erreiche ich bei Anbruch der Dunkelheit den Ort, an dem die FM4 Bühne stehen sollte. Doch ich sehe offenbar den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, denn eine unüberwindbare Menschenmauer befindet sich dort, wo eigentlich die Bühne stehen sollte. Im klaustrophobischen Wahn erscheint mir in einer Vision der Hauptdarsteller der Fernsehserie „Lost“ und fleht mich an, von der Insel zu fliehen. Ich mache auf der Stelle kehrt und will dem Befehl des Anführers Folge leisten, doch es gibt kein Vor und kein Zurück. Ich erwäge kurz, in die Donau zu springen und bis zur rettenden Brücke zu schwimmen und erinnere mich gleichzeitig vage an die Bauanleitung für ein Floß aus einem alten Mickey Mouse Heft. Plötzlich entdecke ich ein winziges Loch im Fluss des Publikums, in das ich mich einordne und so am Landweg mit dem Strom mitschwimmen kann. Ich schwitze am ganzen Körper, doch glücklicherweise verpasst mir jemand eine erfrischende Bierdusche von hinten. Ich will mich bei dem edlen Spender bedanken, doch entscheide mich aufgrund der einschlägigen Ganzkörpertätowierung und Glatze des Kollegen gegen eine Kommunikationsaufnahme.

01:00

Als ich vor Erschöpfung und Platzangst zusammenzubrechen drohe, sehe ich im letzten Moment die U6-Station vor mir aufragen wie den rettenden Stern Bethlehems. Mit letzter Kraft schleppe ich mich den Aufgang hoch, doch die schwierigste Prüfung liegt erst vor mir, denn das Betreten der U-Bahn ist wie eine Szene aus Darwins Survival of the Fittest. Einige meiner Nebenleute haben es nicht geschafft und stehen wohl immer noch in der Station. Durch Bier und Schweiß einmariniert reibe ich mich wie die Sardine in der Büchse an anderen noch schlimmer riechenden Gestalten. Zum Glück kann man aufgrund des Platzmangels nicht umfallen, denn ansonsten hätten einige Mitreisende die Fahrt wohl nicht durchgestanden. Irgendwann werden es weniger Menschen und schlussendlich steige auch ich aus in die kühle Wiener Nacht.
Donauinselfest, ich freue mich aufs nächste Jahr!

Andreas Rainer

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