Kultur

Türkenbelagerung

Duygu Özkan – Türkenbelagerung

13. April 2013 • Kultur

Eigentlich ist dieses Thema schon seit hunderten von Jahren aktuell, nämlich insbesondere seit der ersten Türkenbelagerung, mit der Duygu Özkan auch in ihrem Buch den Anfang macht. Ein Buch über Identität, Feindbild, kollektives Gedächtnis und im Ganzen eine Betrachtung der Wahrnehmung von Türken in Österreich – und im Speziellen in Wien. Ohne Zweifel will „Türkenbelagerung“ zur Integration der vielseitigen türkischen Community beitragen – somit ein Buch für ÖsterreicherInnen sowie TürkInnen, die ihre gemeinsame Geschichte kennen lernen und so die gegenwärtige Situation besser verstehen wollen.

Das Feindbild Türke

Es kommt einem vor, als hätte es nie einen Zeitpunkt gegeben, an dem nicht über das Thema TürkInnen in Österreich gesprochen wurde. Unzählige Debatten werden in diesem Zusammenhang geführt, geht es um TürkInnen, scheinen die ÖsterreicherInnen besonders empfindlich zu sein, fühlen sich bedroht und machen aus jedem Thema auf der Agenda einen Elefanten. Aktuelles Beispiel:Türkisch als Zweitsprache bei der Matura  – was wie erwartet zu heftigen Diskussionen und natürlich Empörungen seitens FPÖ und ähnlichen Richtungen führt. Dabei sind Sprachen wie Französisch, Spanisch, Serbisch/Bosnisch/Kroatisch, Ungarisch und viele andere schon längst als Zweitsprache bei der Matura zugelassen. Warum löst gerade Türkisch so eine heftige Debatte aus? Warum scheint es, dass, sobald das Wort Türke, Türkisch, Kopftuch oder Minarett fallen, jegliche rationale Diskussion unmöglich ist? Warum ist dieser Diskurs dermaßen emotional aufgeladen? Diese Frage versucht Duygu Özkan zu beantworten.

„Man muss wissen, wie ein Vorurteil entstanden ist, um sich davon zu befreien“

„Türkenbelagerung“ stellt nicht den Anspruch, die gesamte Geschichte von Türken bzw. dem osmanischen Reicht und den Österreichern bzw. der Habsburger Monarchie bis heute aufzurollen, einige Ausschnitte aus dieser werden hier präsentiert. Mit den beiden Türkenbelagerungen und den darauf folgenden Kriegen zwischen dem Osmanischem Reich und der Habsburger Monarchie entwickelte sich ein sehr negativ besetztes Bild der TürkInnen. Der Schock über die Bedrohung von Außen saß tief – und lebt bis heute im kollektiven Gedächtnis der ÖsterreicherInnen weiter. Nicht zuletzt deswegen, da die Geschehnisse dieser Zeit immer wieder neu aufgerollt wurden – zum Beispiel mit den 100-Jahres Feiern zur Abwehr der Türken, die bis 1983 begangen wurden. Das Bild des plündernden und mordenden Türken hat sich tief festgesetzt – die katholische Kirche tat ihr übriges, dieses Bild über Jahrhunderte aufrechtzuerhalten. Das Kriegstrauma dieser Zeit scheint nicht überwunden sowie in keinster Weise reflektiert aufgearbeitet worden zu sein.

A la Turca!

Im 18. und 19. Jahrhundert veränderte sich die Lage etwas – nämlich kam der Orient in Mode und neben Missgunst und Furcht entstanden auch positive Konnotationen. Teehäuser, Türkische Bäder und türkische Mode waren angesagt, auch in Kunst, Literatur und Musik spiegelte sich die Faszination des Orient wieder. Auch den Kaffee verdankt man den Türken, eine alte Geschichte besagt sogar, dass das Kipferl, das ja die Form eines Halbmondes hat, von den Türken inspiriert wurde. Doch auch die aufkeimende Faszination änderte wenig an dem Feindbild, das über Jahrhunderte hinweg geschürt wurde. Für die, die sich mit dem Thema intensiver auseinander setzen wollen, wird von Özkan übrigens auch ein osmanischer Spaziergang durch Wien vorgeschlagen, der unter anderem am Türkenschanzpark vorbeiführt.

Die dritte Türkenbelagerung?

Als türkische GastarbeiterInnen in den 70er Jahren von der österreichischen Bevölkerung mit offenen Armen empfangen wurden, ging man hierzulande davon aus, dass die Arbeiter ihrem Namen entsprechend nur auf Zeit in Österreich leben und die Jobs übernehmen würden, für die sich sonst nur wenige Arbeitskräfte fanden. Größtenteils handelte es sich hierbei um Türken vom Land, die den Traum vom schnellen Geld und der reichen Rückkehr bald aufgaben. Das Leben in Österreich war teuer, vom Lohn blieb nicht viel und so führten die Familienzusammenführungen in den 80er Jahren, als die Arbeiter Frau und Kinder nach Österreich holten, wieder für Ärger innerhalb der Bevölkerung. Eine zweite Einwanderungswelle wurde vom Militärputsch in der Türkei sowie vom Fall des eisernen Vorhangs ausgelöst – wobei es sich hierbei in erster Linie um politische Flüchtlinge handelte. So keimten die Anfeindungen wieder auf, "Die Türken“ wurden als homogene Gruppe und wiederum als Bedrohung gesehen. Dabei ist die türkische Community in Österreich so facettenreich, dass "Die Türken" als Bezeichnung für diese Gruppe ziemlich unangebracht ist. Auch auf Themen wie Zwangsverheiratungen und Ehrenmord geht die Autorin kritisch ein, um auch diese empfindlichen Themen in ihre Betrachtung mitaufzunehmen. Was oftmals als dritte Türkenbelagerung und somit Bedrohung seitens der ÖsterreicherInnen wahrgenommen wird (man denke nur an den Comic, den die FPÖ zum Thema Türkenbelagerung produzierte), ist ein Integrationsprozess, der von tiefsitzenden Feindbildern und Vorurteilen sabotiert wird. Die Autorin appelliert sowohl an ÖsterreicherInnen als auch an TürkInnen, diesen Problemen überlegter, rationaler und vorureilsfreier entgegenzutreten, was dringend notwendig scheint.

Stadtbekannt meint

Definitiv ein Buch, das zum Verständnis über die heftigen Diskussionen, die zum Thema "TürkInnen" in Österreich geführt werden, beiträgt. Man merkt, dass das Buch von einer Journalistin geschrieben wurde, die Sprache ist klar, die Botschaften direkt und die 176 Seiten lassen sich schnell und angenehm lesen. Auch wenn Vieles schon bekannt war und die meisten sich vorstellen können, dass die Türkenbelagerungen im 16. und 17. Jahrhundert und im kollektiven Gedächtnis der ÖsterreicherInnen gespeichert sind, werden in diesem Buch Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander gestellt, was eine Analyse einfacher macht. Logisch zieht die Autorin Konsequenzen aus Vergangenem und stellt sie mit dem Hier und Jetzt in Zusammenhang, was interessant auf der einen, und informativ auf der anderen Seite ist. Man kann nur hoffen, dass das Buch dem Anspruch gerecht wird, das es an sich selbst stellt: Zu einem kritischen Verständnis der schwierigen Beziehung zwischen ÖsterreicherInnen und TürkInnen beizutragen und somit dem Diskurs die Schwere zu nehmen, die derzeit produktive Problemlösung verhindert und zu Intoleranz und Anfeindungen führt.

Duygu Özkan
Türkenbelagerung
Metroverlag

176 Seiten, 11,5 x 18,5 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
und Lesebändchen ca. € 19,90
Erscheinungsdatum: 24.03.2011
ISBN: 978-3-99300-027-1

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