Kultur

Das blinde Geschehen

Die zentnerschwere Last des Nichts

14. März 2011 • Kultur2 Kommentare zu Die zentnerschwere Last des Nichts

Der deutsche Dramatiker Botho Strauß hat das postdramatische Theater der letzten drei, vier Jahrzehnte sicher entscheidend mitgeprägt. Anders aber als seine Kollegen wie der hysterische René Pollesch oder der stets etwas derbe Schorsch Kamerun sind Botho Strauß‘ Bühnenstücke enigmatischer, verhaltener. Werke wie „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ sind ruhige, präzise Sozialstudien die sich selten in Hysterie und Überzeichnung verlieren. In seinem neuen Stück „Das blinde Geschehen“, das am Burgtheater seine Uraufführung hatte, wettert Strauß nun gegen zeitgenössische Theaterpraxis, setzt Virtualität dem immer brüchiger werdenden Begriff der Realität gegenüber und fragt nach der Existenzberechtigung von Theater und Liebe in Zeiten des Web 2.0.

Die Einsamkeit des Nur-Befremdlichen

Das Stück beginnt mit einem Ende: Groteske Elfenballerinas im Tutu, sogenannte "Revue-Engel", tasten sich mit Taschenlampen durch Nebel und Schutt auf der nachtschwarzen Bühne. "Alles vorbei?", fragt einer der beiden Engel zaghaft. "Alles vorbei", antwortet die Kollegin. Ein Schauspieler torkelt auf die Bühne, beklagt sich wütend dass der Inspizientz vergessen hat seinen Aufgang verkünden. Überquert die Bühne, starrt ins Publikum, bleibt stehen. Die Revue Elfen klären den Verdutzen auf, dass die Zuseher das Theater fluchtartig verlassen hätten, eine Panik sei ausgebrochen. Mit diesem chimärenhaften Anfang stößt Strauß die Zuseher unvorbereitet in sein kaleidoskopartiges Lehrstück über zwischenmenschliche Beziehungen in Zeiten von Chats und Second Life, in seine bri-collage über Virtualität und Wirklichkeit, seine reverieartigen Analyse der Mechanismen der Theaterwelt.

Kohärente Handlung im eigentlichen Sinne gibt es keine. Da gibt es zwar die Figur des chauvinistischen Internetjunkies John Porto, dem Strauß die Rolle der Freya Genetrix gegenüberstellt, eine Art germanische Fruchtbarkeitsgöttin angekommen im 21. Jahrhundert, anhand derer die Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten der multimedialen Virtualität verhandelt wird. Aber eine stringente Narration lässt sich dennoch nicht erkennen: Die Szenen wechseln wie Fenster am Laptop, virtuelle Welt wird mise en abyme gleich in virtuelle Welt ineinander gestapelt. Traumgleich erahnt man, worum es gehen könnte ohne rational eine zusammenhängende Erzählung dingfest machen zu können.

Botho Strauß streut Stichworte ein, die erahnen lassen worum es vielleicht gehen könnte: Worte wie Second Life, Laptop, Prospero, Caliban, Lara Croft, Avatar. Oder das Nichts und das Vergessen. Die Rede ist von Pirandellos „Riesen vom Berge“, wenn die Schattin ihren Meister austrickst flackern Peter Schlemihl Reminiszenzen auf. Da wird über New York und die Türme diskutiert, es geht um Selbstverwirklichung- und Betrug. Strauß verhandelt das gebrechliche, altersschwache Medium Theater, Post-Theater und Performance, lässt Realität und Fiktion, Illusion und die Brachlegung der Illusion aufeinanderprallen. Und nebenbei wird die Möglichkeit der Liebe in einer von Virtualiät und Alter Ego Avatarüberfremdung belasteten Wirklichkeit ausgetestet. Die Grenzen zwischen selbstkreierten Internetimago und  der an sich schon paradoxen Rolle des „wirklichen Menschen“ auf der Theaterbühne verschwimmen, aber egal ob real oder virtuell, alleine sind alle Charaktere in „Das blinde Geschehen“ trotz wild schäumend wiederholter Annäherungsversuche. Wenn Körperlichkeit die Währung der Realität ist, ist Sprache die der Virtualität. Und die zeigt sich bei Botho Strauß unbarmherzig, wird zu einem Folterwerkzeug und einem Filetiermesser der Befindlichkeit.

„Einsamkeit entsteht und besteht ja nicht im Wegbleiben des Zugehörigen, sondern – in der Ankunft einer anderen Wahrheit, im Überfall der Fülle des Nur-Befremdlichen.“ Um diese Feststellung Martin Heideggers scheint Botho Strauß‘ „Das blinde Geschehen“ zu kreisen: Virtualität als härteste Währung in der Zwischenmenschlichkeit unmöglich wird. 

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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Burgtheater



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2 Antworten auf Die zentnerschwere Last des Nichts – Verstecken

  1. Verena R. sagt:

    Was ist
    mise en abyme?

  2. Steffi sagt:

    @Verena
    Liebe Verena,

    Es gibt da eine Suchmaschine, die nennt sich Google. Google wiederrum verweist sehr gerne auf eine open source Enzyklopädie, die nent sich Wikipedia. Dort steht auch drinnen, was eine mise en abyme ist nämlich:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

    Liebe Grüße, Steffi

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