Kultur

Corteo

Die Lust am Schauen

15. Februar 2011 • Kultur

"Wenn es Abend wurde trieb ich im Festzug durch die Straßen mit, (…) Und unter der Circuskuppel, von Trapez zu Trapez schleuderte sich ein Luftwesen, überschlug sich, stieß schrille, tollkühne Rufe aus, kam aus der Höhe auf mich herabgeflogen, mit ausgebreiteten Armen, steilwehendem schwarzen Schopf, nah vor mir fing sie sich wieder auf und riß sich empor, ein Windzug, erfüllt von eigentümlich betäubendem Duft, sauste über mich hin. Ihr verzücktes Lächeln in ihrem gelbbraunen, schrägäugigen Gesicht, ihr greller Vogelschrei brannte sich für immer in mich ein."

So beschrieb Peter Weiss in seiner Familiensaga „Abschied von den Eltern“ seinen ersten Zirkusbesuch. So habe ich mich bei meinem Besuch von „Corteo“, dem neuen Meisterstück der Akrobatikartisten Cirque du Soleil, gefühlt. Zweieinhalb Stunden lang Schauen, Staunen, Sich-Bezaubern lassen.

Illusionstheater

Anders als in den vorangegangenen Cirque du Soleil Shows, die bisher in Wien Halt gemacht haben, setzt die neue Show weniger auf phantastische Kostüme, Nô-artiges Make Up und Effekthascherei. Vielmehr orientiert sich „Corteo“ an einer Gaukler- und Schaustellerästhetik mit 19. Jahrhundert-Patina und bedient sich altertümlicher Zirkusbilder. Statt Schlangenmenschen und sonstiger exotischer Körperkunst besinnen sich die Coreographen von Cirque du Soleil ebenfalls eher auf klassische Zirkusdisziplinen: Jongleure, Clowns, Trapezkünstler, Gaukler, Riesen und Zwerge dominieren die Artisteneinlagen.

Auch die Handlung ist diesesmal sehr poetisch, emotional, geradezu lyrisch: Der Clown Mauro träumt von seinem eigenen Begräbnis. Seine ehemaligen Liebhaberinnen, gekleidet wie Revuetänzerinnen aus einem 20er Jahre Film, vollführen atemberaubende, sinnlich-betörende Trapezkunst – mit der Ausnahme, dass es keine Turngeräte, sondern überdimensionale Luster in schwindelerregender Höhe sind, auf denen die jungen Frauen sich räkeln. Oder ein Harlekin, der mit einer Kerze in der Hand bedächtig über die Bühne schreitet – allerdings kopfüber. Anders als bei Shows wie beispielsweise „Alegria“, bei der einem eher wegen der artistischen Kühnheiten der Atem wegbleibt, punktet „Corteo“ durch Komik, Situationen, die fast an Beckett’s absurdes Theater erinnern, Narrenpossen und Gauklertiraden. Und auch die Artistennummern: Alles sieht so leicht, so traumwandlerisch, schwerelos aus und ist doch nichts anderes Hochleistungsentertainment und -sport.

Die Lust am Schauen und Staunen

Und genau das zeichnet „Corteo“ aus: Die Zirkusästhetik wird hier bewusst verwendet und inszeniert: Die glanzvolle, fast revueartige Galavorstellung mit all ihren weltfremden Charakteren konstituiert die entscheidende Kontrastbasis zum eigentlichen Leben, dem grauen, mechanisch ablaufenden Alltag. Dem setzt „Corteo“ ein Farben- und Sinnspiel entgegen und ist damit die ideale Alltagsflucht für Kinder wie Erwachsene. „Corteo“ wirkt zugleich auf charmante Art und Weise hinreißend altmodisch. Und irgendwo erklingt immer eine melancholische Melodie, eine verführerische Geige, ein trauriges Chello, eine Wachruf an unsere Kindheit, an das erste Mal als wir im Zirkus waren und gelernt haben zu Staunen.

Noch bis 23.3.2011 gastiert der Cirque du Soleil in Wien.

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Cirque du Soleil

Neu Marx - Karl Farkas Gasse
1030 Wien
http://www.cirquedusoleil.com/en/welcome.aspx

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