Kultur

Schiele Ausstellungsansicht

Die Befindlichkeit des Menschen darstellen

24. Februar 2011 • Kultur2 Kommentare zu Die Befindlichkeit des Menschen darstellen

Obwohl Schieles Portraitmalerei ein Drittel der Ölgemälde und einen weit größeren Teil der Aquarelle und Zeichnungen seines Oeuvre ausmacht, ist das Belvedere dennoch das erste Museum, das diesem Aspekt eine eigene Ausstellung widmet. Ausgehend vom museumsinternen Schiele-Bestand wird die Ausstellung durch Leihgaben aus Ronald Lauders Neuer Galerie in New York und anderen privaten Sammlungen, aus dem Metropolitan Museum oder aus dem Carnegie Museum in Pittsburgh, ergänzt. Viele der ausgestellten Werke sind das erste Mal in Österreich zu sehen.

Chronologie der Befindlichkeit

Die Kuratorinnen Jane Kallir, ihres Zeichens Schiele-Doyenne, und die Museumsdirektorin Agnes Husslein-Arco haben sich in der Ausstellung für eine chronologische Herangehensweise und Hängung entschieden, die thematischen Schwerpunkte beschäftigen sich mit „Frühe Arbeiten“ (1906 – 1909)“, „Expressionistischer Durchbruch (1910)“, „Selbstporträts (1910 – 1918)“ und „Zeit der Reife (1912 – 1915)“. Versprochen werden Einblicke in die Künstlerseele sowie ein besseres Verständnis wenn nicht gar eine gänzlich neue Sichtweise im Hinblick auf Schieles Portraits und Selbstportraits.

In der Ausstellung selbst tastet man sich in schneckenhausartigen, schwingenden fleischfarbenen Gängen chronologisch durch Schieles künstlerischen Schaffen, dicht an dicht hängen hier über 100 Portraits, Selbstportraits, Doppelportraits und Briefe. Der erste Raum zeigt primär Schieles frühe Werke, die noch sehr konventionellen Gehversuche an der Akademie und geht eher unvermittelt zu seinen ersten expressionistischen Portraits über. Sichtbar werden soll hier die Wandlung von der sehr konservativen Strichführung beim Abzeichnen antiker Büsten hin zu dem zornigen, wilden malerischen und zeichnerischen Gestus, der die Werke ab 1910 kennzeichnet. Dennoch wird der Übergang vom manierlichen Büstenabzeichnen und stumpfsinnigen Portraitieren in der Kunstschule hin zu jener unruhigen, unharmonischen fast hysterischen Farbpalette vor leeren Hintergründen, jenen exaltierten Posen, die stilprägend für sein späteres Werk werden sollten, den Verrenkungen und nervösen Hände nicht nachvollziehbar. Da sich die Kuratorinnen nur auf Schiele Werke konzentriert und sämtliche künstlerischen Beeinflussungen wie etwa die Klimts beiseite gelassen haben, lässt sich für den Betrachter dieser werkimmanente Bruch nicht rekonstruieren.

Der Rest der Ausstellung: eher Altbekanntes. Der Raum, der sich Schieles Selbstportraits widmet: Hier zeigt sich Schieles Obsession mit der Selbstdarstellung und Theatralität: Er schlüpfte in unterschiedlichste Rollen, er kroch, wand, verrenkte sich vor Spiegeln um sich selbst auf Papier festzuhalten. Schiele inszenierten sich als Heiliger Sebastian, mal verrucht und wahnsinnig, dann wieder gesittet und gutbürgerlich.

Der Schlüssel fehlt

Trotz einiger beeindruckender Gemälde und intimen sowie nie zuvor gesehenen Studien fehlt der Ausstellung ein gemeinsamer Nenner, der die einzelnen Räume miteinander verbindet. Denn trotz chronologischen Aufbaus wirkt vieles unvermittelt und zusammenhanglos. Zwar schließt der Ausstellungskatalog einige der Lücken und didaktischen Leerstellen, die sich während des Besuchs auftun, alles in allem fehlen aber einfach einige Schlüsselwerke und Einflüsse, die die Brüche abfedern wenn nicht gar kitten würden. So hat man zwar einen guten Überblick über die chronologische Entwicklung Schieles, aber es wird oftmals nicht ersichtlich, was das ausschlaggebende Moment einer stilistischen Veränderung war und einige kuratorische Gedankensprünge können nicht ohne weiters nachvollzogen werden.

Statt den versprochenen neuen Blicke auf Schieles Portraits sieht man doch nur viel Bekanntes und Bewährtes.

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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2 Antworten auf Die Befindlichkeit des Menschen darstellen – Verstecken

  1. Valerie sagt:

    und dein Resümee
    trotzdem sehenswert oder auslassbar?

  2. Laura Windhager sagt:

    @Valerie
    Ich würde sie trotzdem empfehlen, eben wegen der vielen noch nie in Wien gezeigten Werke. Allerdings, wenn man sich wirklich für Schieles Portraits und den kuratorischen Hintergedanken interessiert, wird man um die Konsultation des Ausstellungskatalogs nicht ganz herumkommen.

    Ansonsten ist Schiele und seine seltsame Unmitelbarkeit immer wieder sehenswert, meiner Meinung nach.

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