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Die Aufreger-App: Frau Kaiser 2013

9. Mai 2013 • Skurriles

Eine neue Gefahr geht um in Wien: PensionistInnen (und solche, die in geistiger Verbundenheit zu ihnen stehen) mit Smartphones! Eine neue App, gestaltet von der Wiener ÖVP, gibt all jenen, denen das allabendliche Stammtischgespräch oder das Sudern mit der Nachbarin nicht ausreicht, die Möglichkeit, sich öffentlich aufzuregen. Wen etwas in der Stadt so sehr empört, dass er es nicht mehr länger erträgt, tatenlos zuzusehen, der macht einfach ein Foto vom skandalösen Sachverhalt und teilt sich der Welt durch die Aufreger-App mit. Und was wir ahnungslosen WienerInnen da so zu sehen bekommen, lässt wirklich kaum ein Auge trocken. Wir haben die krassesten Missstände, Schandflecke und Ungerechtigkeiten zusammengefasst.


Strafe, wem Strafe gebührt

Was empfindliche Wiener Gemüter offenbar besonders ungern haben, sind bröckelnder Putz an den Wänden unserer Altbauten. Man mutmaßt, hier handelt es sich um Sicherheitsbedenken oder das Interesse an der Erhaltung unseres schönen Stadtbilds. Doch einE UserIn fühlt aus einem ganz anderen Grund die ganze Ungerechtigkeit der Welt am eigenen Leib: Der Putz bröckelt da einfach ungesühnt vor sich hin, während man hier sogar bestraft wird, wenn man einen Zigarettenstummel in die freie Wildbahn entlässt! Gut, dass das einmal jemand ausgesprochen hat!


Das Rad muss nicht neu erfunden werden

Doch die Aufreger-App zeichnet sich nicht nur für städtebauliche Fragen verantwortlich. Hier wird auch eine neue Arena im Straßenverkehrs-Infight zwischen den rivalisierenden Fraktionen aufgemacht: Alle gegen die RadfahrerInnen. Als eines der Wiener Top-3-Feindbilder sind Fahrräder und ihre BesitzerInnen nun endlich auch anonym anschwärzbar. Auf der Aufreger-Seite ist Entsetzliches dokumentiert – wie zum Beispiel ein abgestelltes Fahrrad, das einen Fahrradweg blockiert. Wir bilden uns jedoch ein, in Wien bereits ein, zwei,…siebenhundertachtundzwanzig Autos, die mehrere Parkplätze, eine Straße, einen Gehweg oder eine Einfahrt blockieren, gesehen zu haben. Wem es noch so geht, kann ja ein Foto davon schießen und…?!

„Ä-Tüpferl-Reiter“

Die Aufreger-App bietet zwar jenen eine Bühne, die etwas in Wien verändern wollen – aber es ist zweifelsohne auch eine Spielwiese für Kleingeistigkeit und Spießigkeit. So echauffiert man sich über „Manneraborte im Gänsehäufl“. Unbedarfte LeserInnen glauben vielleicht im ersten Augenblick, hierbei handle es sich um eine Form ungerechter Behandlung zwischen den Geschlechtern. Aber nein – es sind die fehlenden „Ä-Stricherl“, die jemandem keine Ruhe gelassen haben. Und weil betreffende Person offenbar gegen die Beibehaltung eines vielfältigen österreichischen Sprachschatzes ist, wird das Wort „Abort“ an sich auch gleich als „bei uns“ als seltsam empfundener Begriff bezeichnet.

Spießig oder nur Ausdruck einer armen Seele, die nicht ganz mit sich (und ihrem Alter) im Reinen ist? Die Person, die sich über das Schild „Spielplatz für reifere Personen“ im Raabenhof aufregt, sollte zweierlei bedenken: Erstens schätzen sicherlich viele Menschen, die aus den Kinderschuhen heraus sind, Möglichkeiten, sich im öffentlichen Raum abseits einer Plastik-Kinderrutsche körperlich zu betätigen. Außerdem ist der „Spielplatz für reifere Personen“ doch eine ur-Wienerische Erfindung: man nennt sie nur meistens Heuriger!


Nicht vernadern!

Die ÖVP weist auf ihrer Homepage und in den Medien dezidiert darauf hin, dass man auch die schönen Eindrücke von Wien posten solle und es sich hierbei nicht um eine „Vernader-App“ handle. Doch momentan sieht es so aus, als entstehe damit eine moderne Version der Frau Kaiser, wie wir sie noch aus dem Kaisermühlen Blues kennen. Und Teil des „Kaiser-Konzepts“ ist auch im echten Leben, dass man Probleme wie Armut, Gewalt oder Obdachlosigeit bei all dem Sudern irgendwie vergisst.

Nadja Pospisil

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