Lifestyle

Daniel Lambert Benjamin Marshall

Dick ist nicht schick?

4. Juni 2013 • Lifestyle

  • Daniel Lambert Benjamin Marshall
  • Fettleibigkeit 1806

Es wird wieder windig im Netz: ein neuer Shitstorm ist da! Diesmal richtet er sich gegen eine Modekette, die vielen in Europa bislang kein Begriff war: Abercrombie & Fitch. A&F ist ein US-Amerikanisches Modeunternehmen, das den typisch-amerikanischen Chic verkörpert: sportlich, jung, gewollt leger und doch irgendwie spießig.

Ken verkauft jetzt Jeans

Es ist dieses eigenartige Geschäft, das halbnackte, durchtrainierte Model-Bubis als Angestellte bzw. lebende Waschbrettbäuche zum Anfassen beschäftigt und vor deren Läden sich – nicht nur bei Ladeneröffnung! – lange Schlangen bilden, wo Horden von Mädchen um Einlass betteln. Endlich die heiligen Hallen betretend, erwartet sie viel zu laute Musik und düstere Beleuchtung – was durchaus Sinn macht, um von den einfallslosen und völlig überteuerten Fetzen abzulenken, die dort feilgeboten werden. Diese Einschätzung der Autorin nur mal zur Einstimmung. Doch es geht weiter, weil es bekanntlich nach unten selten eine Grenze gibt, vor allem, wenn es um Geschmack oder Dreistigkeit geht.

So jung, so schön…

Mike Jeffries, der CEO der super-hippen Marke, hat sich etwas ausgedacht, das die Gemüter erregt, auch wenn einem er und sein Klumpert sonst wo vorbeigehen. Der gute Mann verfolgt die Mission „Imagefestigung“ seines Imperiums und zu diesem Zweck ist ihm ein genialer Einfall gekommen. Er wird sich wohl in etwa das Folgende gedacht haben: „Wir wollen ideenlosen Kram an hirnlose Modeopfer, die gemeinhin als die „coolen Kids“ bezeichnet werden, verkaufen? Dann sollten die uncoolen es nicht kaufen können! Und wer ist uncool? Die Alten, die Armen, die Hässlichen und natürlich die Fetten!“ Und da Mikey ein Mann der Tat ist, produziert seine Marke nun einfach keine Frauenkleidung in Größe XL mehr – also wären die Dicken schon mal kein Problem. Vor einiger Zeit hatte man sich bereits des Imageproblems „Armut“ entledigt, indem man einfach fehlerhaft produzierte Ware verbrannte, anstatt sie Bedürftigen zu spenden. Und nebenbei bestach man angeblich DarstellerInnen einer Unterschichts-Party-Sauf-Realityshow, um doch bitte ein weiteres Tragen ihrer Kleidung im Fernsehen zu unterlassen – auch das schade dem Ansehen der Marke.

Gegenangriff

Das wollten natürlich viele Menschen nicht unkommentiert lassen und so brach im Netz und hier besonders auf Twitter ein Shitstorm los. Menschen stellten Fotos von sich ins Netz, auf denen sie ein Shirt der Marke trugen und auf einem Schild konstatierten: „Zu fett für dieses Shirt“. Ein junger Drehbuchautor begann, Kleidung an Obdachlose zu verschenken, um Abercrombie eins auszuwischen (siehe: #fitchthehomeless). Und ganz besonders aufmerksame BeobachterInnen, die die Persona non grata, Mike Jeffries, googelten, begannen sich öffentlich zu fragen, ob das Botox-Opfer, das die Suchmaschine ausspuckte, jemals selbst zu den „coolen Kids“ gehört hat.

Wie unfair!

Abercrombie bekennt sich also dazu, Menschen auszuschließen. Aber was ist mit denen, die von Mike nicht erwähnt wurden? Wir sind der Meinung, wenn schon Diskriminierung, dann auch bitte für alle und überall. Es gibt ja wirklich nicht genug davon. Wo bleibt das Mindestgewicht bei Burgerketten? Her mit der Waage vor dem Bestelltresen! Auch in Buchläden wäre in Zukunft der Nachweis eines Mindest-IQs nur folgelogisch. Sonst dürften ja auch die Dummen lesen… Und wie konnte bis jetzt qualitätsvolles Kabarett aufrechterhalten werden? In Zukunft gilt: Wer nicht mindestens einen guten Witz erzählen kann, darf nicht hinein! Wohin kämen wir denn außerdem, wenn nicht die nötige Andacht und Dramatik den Tod begleiten würde – wer nicht wenigstens einen Achtelliter Tränen vergießen kann, hat am Zentralfriedhof bei der nächsten Beerdigung wirklich nichts zu suchen! Übergewichtige im Fitnesscenter? Die sollen bitteschön vorher abnehmen, wie sieht denn das sonst aus?! Und ein Performance-Test vor dem Kondomkauf ist ohnehin schon jahrelang überfällig. Image ist ja bekanntlich alles…

Nadja Pospisil

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