Wien – Leben

Alex Lackowski

Der stadtbekannt EM-Blog: Das war die EM 2012

2. Juli 2012 • Leben

Stadtbekannt EM-Experte Alex Lackowski über die Dominanz der Spanier, die Auferstehung der Italiener und den Untergang der Deutschen. 

Bitte nicht! Ich will nicht 2 Jahre auf das nächste Fußballfest warten müssen. Ob es die beste EURO aller Zeiten war, weiß ich nicht, aber es war einfach ein grandioses Event mit Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Ob Shevchenkos Tore, Pirlos Auferstehung, der Untergang der Deutschen oder die Dominanz der Spanier…all das und alleine die tägliche Spannung vor den Spielen am Abend wird mir unendlich fehlen. Der Fakt, dass alles und jeder über Fußball spricht und die schönste Nebensache der Welt für 3 Wochen unser Leben dominiert hat, hat gezeigt, wie weitreichend diese EURO und der Fußball im Allgemeinen sind.

Drei große Geschichten 

Für mich hat die EURO drei ganz große Geschichten: die Spanier, die irgendwie mit Halbgas den Titel holten, die Italiener, die alle mit ihrem Spielstil und dem Erreichen des Finales überraschten sowie die Deutschen, die hochgelobt am Ende tief gefallen sind. Die Gründe dafür habe ich im Laufe der EM bereits genannt: die Medien und Jogi Löw.

Als deutscher Spieler muss es schrecklich gewesen sein bei der EURO, wenn man dann auch noch das Pech hat bei Bayern München unter Vertrag zu stehen, wäre ein Karriere-Ende absolut verständlich, haben Schweini, Lahm und Co. doch gerade 4 Titel knapp vor dem Ziel verspielt. Der Druck den BILD, Sport 1 und Co. auf diesem jungen Haufen deutscher Kicker aufgebaut haben war einfach viel zu groß und absolut unangebracht. Klar, man war bei den letzten Events immer vorne dabei, aber als jüngstes Team der EM ist es trotzdem nicht zu verstehen, dass man außer dem Titel in Deutschland nichts akzeptieren wollte. So kam es, dass die Leistungen, welche bis auf einen Sieg gegen “Fußball Riese“ Griechenland nicht berauschend waren, in den Himmel gelobt wurden und Jogi Löws desaströse Arbeit als Geniestreich identifiziert wurde. Dieser hat aber einmal mehr bewiesen, dass er den Machtwechsel an der Spitze des deutschen Fußballs verschlafen hat und außer seinem 4-5-1 keine Alternative hatte. Er ließ einen halbfitten Schweinsteiger auflaufen, während Gündogan, welcher für mich der beste Spieler der Bundesliga-Rückrunde war, niemals ein Thema war. Kroos spielte auf einer für ihn komplett neuen Position, Reus wurde zu spät gebracht, Götze hat im Laufe des Turniers gerade mal 10 Minuten bekommen und die sieben Bayern Spieler in der Startformation waren  absolut nicht verständlich. Ich hoffe stark, dass die Deutschen einen besseren Coach bekommen, denn Löw ist einfach nicht gut genug um diesen letzten Schritt in Richtung Titel zu machen.

Business as usual bei den Italienern 

Die Italiener machten anscheinend Business as usual. Wettskandal, schlechte Vorbereitung, beim Turnier jedoch traten sie als geschlossene Einheit auf und stiegen ins Finale auf. Die Spieler habe ich im Laufe der EM fast schon zu sehr gelobt, wobei man das bei Pirlo vielleicht gar nicht machen kann. Er ist der unumstrittene MVP der EM. Aber Cesare Prandelli gehört auch mal ein großes Lob ausgesprochen. Seine Kaderauswahl war brillant, die Italiener waren taktisch das stärkste Team, das mehrere Systeme beherrschte und anscheinend auf alles eine Antwort hatte. Wie Prandelli die zwei Skandalburschen Balotelli und Cassano zu einem tödlichen Sturmduo geformt hat ist einfach grandios.

Leider hat er im Finale seinen einzigen Fehler gemacht. Für mich komplett unverständlich hat er das 3-5-2 aus der ersten Begegnung gegen die Spanier links liegen gelassen um mit einer offensiven Formation den größten Fehler zu begehen, den man gegen die Spanier machen kann: zu versuchen, ihnen spielerisch das Wasser zu reichen. Das ist aber einfach nicht möglich. Diese EM hat bewiesen, dass man gegen Spanien nur totale Defensive fahren kann und versuchen muss, auf Konter zu hoffen. Bilic und Kroatien haben das am besten vorgemacht. So kam es dazu, dass das Finale leider zu einer sehr einseitigen Geschichte wurde.

Die Dominanz der Spanier

Die Italiener schienen kraftlos von ihren Kämpfen im Viertel- und Halbfinale, die Spanier dagegen topfit und spielstark wie man es nur von den letzten Großereignissen kannte. Der 2:0 Halbzeitstand war schon sehr schockierend, als Italien dann ab der 60. Minute nur noch zu zehnt spielte, war die Partie eine halbe Stunde vor Schluss entschieden. Als ich zu meinen Freunden meinte, dass es wohl unmöglich ist, gegen Spanien zu zehnt ein Tor zu machen, antwortete einer, dass es wohl zu zwölft auch nicht möglich ist, und das stimmt. Der letzte, der in einem K.O Spiel gegen Spanien ein Tor erzielte, war Zinedine Zidane 2006. Seitdem wurde alles gewonnen. Eine ähnliche Dominanz im Profisport kannte ich bisher nur aus der Formel 1, welche man nur durch Regeländerungen wieder spannend machen konnte. Vielleicht ist das die einzige Lösung, denn derzeit sehe ich kein Team, das diesen Spaniern das Wasser reichen kann. Die Spieler werden ja nicht aufhören bis 2014…

Aber was bleibt von der EURO?

Zum einen die Erkenntnis, dass die Idee von Platini, eine EURO in mehreren europäischen Städten auszutragen, keine schlechte ist, denn die großen und modernen Stadien in Breslau, Danzig oder Lemberg sind sicher beeindruckend, aber leider so wie das Stadion in Klagenfurt eine Millioneninvestition ohne wirkliche Verwendung. Die Kosten, die für die Austragung der EURO notwendig sind, könnte man verhindern, wenn man der Idee von Platini folgt. In Zeiten der Wirtschaftskrise nicht unwichtig.

Platinis Verschlossenheit gegenüber technischen Hilfsmitteln dagegen ist abscheulich. Wir leben im Jahr 2012 und sind gezwungen, mit dämlichen Schiedsrichterfehlern zu leben, als wäre es 1958. Wer weiß, was passiert wäre, wenn der Treffer der Ukraine gegen England als regulär gewertet wäre? So gut wie jede Sportart verwendet technische Hilfsmittel, das Argument “wo hören wir auf sie zu verwenden und wo nicht“ ist ebenfalls haltlos, denn wir beginnen mal ganz sicher bei der Frage ob Tor oder nicht Tor, bevor wir einen Schritt weiter gehen

Fußballdiskussionen mit deutschen Fans enden ab heute immer gleich: wenn’s zu viel wird, T-Shirt runter und den Balotelli zeigen. Das wird für immer wehtun.

Ich danke euch fürs Lesen und wünsche euch und mir zwei Jahre ohne EM oder WM, die hoffentlich schnell vorbei gehen. Wir sehen uns dann 2014 bei der WM in Brasilien wieder!

Alex Lackowski – stadtbekannt EM-Experte

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