Kultur

geiger_HA_Kultur_Lo_678040c.jpg

Der alte König in seinem Exil

14. Februar 2011 • Kultur4 Kommentare zu Der alte König in seinem Exil

  • geiger_HA_Kultur_Lo_678040c.jpg
  • Der alte König in seinem Exil

Seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ stellt Geiger ein Hokusai Zitat voran: „Man muss auch das Allgemeine persönlich darstellen.“ Arno Geiger rekonstruiert Stück um Stück die Lebens- und Krankengeschichte seines an Alzheimer erkrankten Vaters August Geiger. Erzählt wird einerseits die Geschichte eines Sohnes, der erst über den Umweg einer Krankheit zurück zum entfremdeten Vater fand, diesen neu entdeckte und andererseits die Beobachtung und Beschreibung eines unaufhaltsamen Krankheitsverlaufs. In beiden Fällen erzählt Geiger vom Persönlichen im Allgemeinen, zoomt aus den großen, unpersönlichen Geschichten hinaus in das Spezielle, ins Detail einer Familiengeschichte.

„Bei mir ist es so, dass viel Geistiges abhandengekommen ist. Wenn es noch da wäre, hätte ich auch eine Freude daran.“

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist viel mehr als das Porträt seines dementen Vaters. Es ist auch mehr als eine reine Hommage an einen Mann, der seine Brillianz, seine eigene Sprache und seine Liebe zu seinem Sohn erst kurz vor dem geistigen Abgrund, dem Versinken ins Vergessen offenbarte. Es ist aber auch keine reine Abhandlung über Alzheimer, kein Lamentieren über die familiäre Belastung wegen der Krankheit oder Pflegekosten. Im Gegenteil, die Ausweglosigkeit von Alzheimer wird nie geleugnet oder schöngeredet, nur liegt es Geiger nicht daran, dies zu beklagen.

Vielmehr ist „Der alte König in seinem Exil“ eine zeitlose Auseinandersetzung mit den Dingen, die wirklich wichtig sind: Familie und Altern, Heimat und Zugehörigkeit. Oder, wie Arno Geiger das ausdrückt: „Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.“ Reflexionen über die Brüche im Leben die uns von Menschen forttreiben, die sich oft erst im Nachhinein erkennen lassen, über die Dinge, mit denen man nur schwer fertig wird. Dabei aber, und darin liegt die Schönheit dieses Buch, bedient sich Geiger in keinem Fall irgendwelcher Pathosgesten, vielmehr übt sich dieses Buch in Demut und sprachlicher Askese: Mit einer Leichtigkeit erzählt er über das Schwere, über eine Krankheit, die ein Leben und eine Geschichte unweigerlich mit sich reißt. Er changiert in seiner Erzählung zwischen dem lustigen Greis, der Geiger selbstvergessen zum Lachen bringt und den immer rarer werdenden lichten Momenten, in denen sein Vater begreift was mit ihm geschieht.

„Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen.“

Und vielleicht gerade wegen der Ausweglosigkeit und Irrversibilität dieser Krankheit steht bei Geiger nicht primär der Verfall, sondern die lichten Momente im Vordergrund. Es liegt wohl an Geigers ungewöhnlichen Zugang, der dieses Buch so unmittelbar, so persönlich werden lässt: Statt an der eigenen Wirklichkeit festzuhalten und einem alzheimerkranken Menschen hilflos dabei zuzusehen, wie er sukzessive den Bezug zur Umwelt und die Orientierung in der Gegenwart verliert, schlägt Geiger einen anderen Weg ein: „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.“ Aus diesem Zugang ergibt sich eine neue Art der Kommunikation: Immer wieder schiebt Arno Geiger notierte Gespräche mit seinem Vater ein. „Wie geht es dir, Papa?“ „Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen.“ „Was denkst du über das Vergehen der zeit?“ „Das Vergehen der Zeit? Ob sie schnell oder langsam vergeht, ist mir eigentlich egal. Ich bin in diesen Dingen nicht anspruchsvoll.“

„Der alte König in seinem Exil“ ist sowohl Liebeserklärung an den Vater, als auch eine Abhandlung darüber, was das Leben zu jedem Zeitpunkt lebenswert macht.

Wir verlosen 3 Exemplare – hier der Link zum Gewinnspiel.

Arno Geiger: „Der alte König in seinem Exil“. Hanser Verlag, München 2010. 188 S., geb., 17,90 €.

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

, , , , ,

Weitere Artikel

4 Antworten auf Der alte König in seinem Exil – Verstecken

  1. Valerie sagt:

    Taschenbuch?
    Danke für die Rezension. Ich bin ja noch am überlegen ob ich nicht aufs Taschentuch warte. Hat jemand eine Ahnung wie lange das ca. dauern wird?

  2. Laura Windhager sagt:

    @Valerie
    Ich probiere es rauszufinden 🙂

  3. Armin sagt:

    Kompliment
    Eine schöne Rezension.

    Lg Armin

  4. Valerie sagt:

    @Armin
    ja finde ich auch. Da bekommt man Lust es zu lesen.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »