Kultur

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Das schlüpfrige Wien

11. Juni 2013 • Kultur

Große braune Rehäuglein, eine rührende Geschichte und ein glückliches Ende. Das sind die Zutaten des Felix Salten für seine Tiergeschichte Bambi. Aber Salten hat sich wohl auch recht gut in Dingen ausgekannt, die weniger für Kinderohren bestimmt sind: In seinem pornografischen Werk „Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne“ geht es zur Sache, was das Leben der Prostituierten der Hauptstadt zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert betrifft – so sehr, dass es in Deutschland zeitweise sogar auf dem Index verbotener Bücher stand.

Angeblich sollen all die eindeutigen Zweideutigkeiten und schlüpfrigen Details aus dem Leben der Dirne „von ihr selbst erzählt“ worden sein, aber das ist ziemlich unwahrscheinlich. Glaubwürdiger ist es, dass Salten sich durch mehrere verschiedene Damen zu seinem Edelporno hat inspirieren lassen, es die Mutzenbacher in persona nie gegeben hat.

Modell stand das Peperl auch für eine Stadtführung durch das Herz von Wien. Angespornt durch die Lebensgeschichte der Symbolfigur des Wiener Rotlichtmilieus hat die österreichische Historikerin Anna Ehrlich eine Stadtführung zur Sittengeschichte der Hauptstadt entwickelt.

Von den Römern, über das Mittelalter, Maria Theresia bis ins heutige Wien geht es in zirka zwei Stunden durch die Innenstadt – vorbei an Bädern, Bordellen und Geschlechtskrankheiten. 

„Bitte, empfindlich dürfen Sie bei dem Thema nicht sein,“ warnt Alexandra Stolba, die die Führungen unter anderem leitet, ihre Zuhörer zu Anfang. Schon öfter ist es passiert, dass Stolba böse Blicke oder auch wüste Beschimpfungen erntete, wenn Vorbeigehende nur wenige Worte ihrer detaillierten Schilderungen aufgeschnappt hatten.

Startpunkt für alle, die sich in die Wiener Doppelmoral einführen lassen möchten, sind die Ausgrabungen aus der Römerzeit auf dem Michaelerplatz.
Und mit den Römern starten sie dann auch, die Schlüpfrigkeiten. Verteilt werden kleine goldene Bordellmünzen auf denen man Figuren in Positionen, die wenig der Fantasie überlassen, betrachten kann – die Spezialitäten der jeweiligen Damen in den römischen Bordellen.

Ebenfalls nichts für empfindsame Nerven sind die Erzählungen über das mittelalterliche Treiben in den Wiener Badestuben. An denen hatten wohl nicht nur die Gäste, sondern auch Pilzkulturen und Geschlechtskrankheiten ihren Spaß.
Weiter geht es mit Casanovas Zeiten und seinen Ausführungen über Verhütungsmethoden. Der Geheimtipp des Gigolos war die Speckschwarte: „Ein Schwein reibt das andere.“

Leider hat es Salten in seinem Porno ausgespart weniger erotische Themen, die dieser Berufszweig mit sich bringt, anzusprechen. Dafür tun es Ehrlich und ihre Kolleginnen. So endet die Reise auf den Spuren der Wiener Sittengeschichte mit Blick auf ein Etablissement namens „Josefine“ und auf die wenig romantischen Arbeitsbedingungen der heutigen Schwestern der Mutzenbacher.

Führungen finden ganzjährig jeden Samstag um 14:00 Uhr und von April bis Oktober zusätzlich jeden Dienstag ebenfalls um 14:00 Uhr statt. Treffpunkt ist am Michaelerplatz bei den Ausgrabungen. Jugendliche dürfen ab 14 Jahren teilnehmen. Karten gibt es um 14,00 Euro bzw. 12,00 Euro mit der WienCard.

Franziska Sedlbauer

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