Kultur – Film / TV

Copyright Polyfilm

DVD Tipp: The Green Wave

17. April 2013 • Film / TV

Iran, 2009: Der Antritt des gemäßigten Reformers Mir Hussein Mussawi zur Präsidentschaftswahl trifft auf überwältigende öffentliche Zustimmung. Riesige Fussballstadien füllen sich bei Auftritten des Gegenkandidaten von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad. Meterlange grüne Tücher, grüne Armbänder und grüne Kopftücher färben die Straßen. Die Farbe der Hoffnung und die Farbe des Islams wird zur Farbe der iranischen Fast-Revolution.

Die vormals staatlich stark verfolgte Blogger-Szene blühte, beschwingt von dieser Hoffnung, wieder auf, auch Youtube, Twitter und Facebook wurden trotz umfangreicher Repressionsversuche dominiert von den Geschehnissen in der Islamischen Republik. Ali Samadi Ahadi hat einen Dokumentarfilm über diese Beinahe-Revolution gemacht, in der neben bedeutenden iranischen Persönlichkeiten vor allem jene Menschen, die damals über das, was passiert, gebloggt und geschrieben haben, zu Wort kommen.

Wie gewonnen…

Kurz schien es tatsächlich möglich. Ein friedlicher Wandel, ohnehin keine himmelschreienden Ziele, kein Systemsturz, lediglich Reformen. Zurück auf den Weg vor 2003, bevor Ahmadinedschad zunächst Bürgermeister von Teheran und später Präsident wurde. Weg von der isolationistischen Atombombenbastelei hin zu Gesellschaftspolitik. Zurück zu den normalen Problemen mit der sozialen Gerechtigkeit. Die explosionsartigen Ereignisse nach den Wahlfälschungen und nach einer Rede des geistlichen Führers Chamene’i, der die Demonstranten zum Freiwild erklärt, zeigen, wie akut die Verzweiflung ist.

Youtube als Zeuge

Die Kamera wackelt, man sieht einen Menschenauflauf, alle rufen durcheinander. Dann schwenkt die Kamera weg, unentwegt ruckelnd,  ihr Träger rennt. Zwischendurch sind Füße zu sehen, alle rennen. Als die kameratragende Person wieder zu Filmen beginnt, liegen Menschen am Boden, andere eilen zu ihnen hin. Aus offenen Wunden strömt Blut, eine verzweifelte Menge debattiert, ob ein Mann mit einer lebensbedrohlichen Kopfwunde aufgehoben werden soll oder lieber nicht. ‚The Green Wave‘ ist ein dokumentierter Zusammenschnitt jener kurzen selbstgedrehten Videos, die damals Youtube überschwemmt haben. Selbiges mit Tweets von Twitter, das während dieser Wochen als neues Informationsmedium boomte und von Moussavi verwendet wird, um mit seinen Anhängern unter ärgsten Repressalien zu kommunizieren.

Trickfilm-Elemente

Was abseits der Straße und der Masse passierte, existiert nicht auf Video. Die Festnahmen und Folterungen nach den Protesten; die individuellen Geschichten all jener Einzelpersonen unter den zehntausenden DemonstrantInnen. In zwei fiktiven Personen und ihren jeweiligen Geschichten, zusammengestückelt aus tausend verschiedenen realen Blogeinträgen, wird das, gezeichnet als Trickfilm gleich ‚Waltz with Bashir‘ und ‚Persepolis‘ kompensiert. Die Wahl auf dieses Stilmittel fiel nicht so sehr aufgrund seiner künstlerischen Vorzüge, vielmehr erschien es als das einzig Mögliche. Im Iran zu drehen stand außer Frage, wie die meisten der gezeigten Personen kann auch der Regisseur für die fortwährende Dauer des Regimes nicht mehr in seine Heimat fahren. Doch diese Dreifaltigkeit der Stilmittel aus düsteren Comics, der Nüchternheit der Interviewszenen, und der bruchstückhaften Unmittelbarkeit der Handy-Videos fügt sich trotz der starken Kontraste zu einem stimmigen Ganzen. Dadurch kommt die intensive Emotionalität zutage, die mit den Ereignissen in Verbindung stand und steht. Vor allem die Stimmung vor den Wahlen und deren Manipulation zeugen vom Erwachen einer Gesellschaft aus Frustration und Sprachlosigkeit, bei der klar wird, wieweit und wie zerstörerisch die allgemeinen Umstände in die Sphäre des Individuums reichen.

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »