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DVD Tipp: Halt auf freier Strecke

20. März 2013 • Film / TV

Würden wir es hier kurz fassen, wäre ‚Halt auf freier Strecke‘ ein skandinavischer Film: eine große Liebe, dann stirbt einer, es schneit. Frank und Simone , Eltern von zwei jungen Kindern, erhalten die Diagnose eines inoperablen Gehirntumors in Franks Kopf. Es gibt nichts mehr zu machen, in wenigen Monaten wird er sterben. Gestorben wird auf der Leinwand oft. Meist wird die Todesangst zu einer katalysierenden Wendung im Plot eingesetzt: jetzt, im Angesicht des Todes lassen sich Ängste überkommen und Sehnsüchte ausleben.

In Andreas Dresens neuem Film kommt die Nachricht vom Tod ganz am Anfang. Acht Minuten lang hält die Kamera auf das Paar, das die niederschmetternde Diagnose erhält. Danach breiten sich die Phasen des Sterbens vor dem Zuseher aus: von Wut und Zorn über Depression bis zu Akzeptanz. Frank (Milan Peschel) stirbt dabei weitestgehend ohne Musik oder Kitsch. Den Film tragen keine explosiven Momente, nur der Allerweltsrealismus der Allerweltsfamilie des Paketlieferanten Frank und der Straßenbahnfahrerin Simone (Steffi Kühnert) in ihrem Reihenhaus in einem Berliner Vorort.

Palliativkino

Andreas Dresen scheut dabei nicht die realen Umstände, die sich beim Sterben so auftun: wenn mit dem Pflegepersonal besprochen wird, wie Frank zu reinigen ist. Und mit Körpern hat Regisseur von Wolke 9 – worin er Liebe unter alten Menschen thematisierte – keine Berührungsängste. Der Prozess bleibt würdevoll und aufrichtig zugleich, trotzdem unerbittlich. Die Authenzität wird bestärkt durch das echte Pflegepersonal, das Dresen im Film ihre Berufe ausüben lasst. Auch die SchauspielerInnen haben keine vorgeschriebenen Texte; sämtliche Dialoge sind erst beim Dreh entstanden.

Lediglich zur Veranschaulichung vom fortschreitenden Verlust von sämtlichen Fähigkeiten durch die Ausbreitung des Krebsgeschwürs im Hirn bedient sich der Regisseur bei Stilmitteln: der Tumor in Franks Kopf wird im Zeitraffer zu einer eigenständigen Person, die langsam und genüsslich die Kontrolle über Frank übernimmt. Der Tumor ist zu Gast bei Harald Schmidt und blickt Frank aus dem Spiegel entgegen. Der Tumor verändert ihn, seine Stimmungen schwanken, die Wahrnehmung verlässt ihn. Zuhause verteilt die Familie Klebenotizen im ganzen Haus, nachdem Frank ins Zimmer seiner Tochter gepinkelt hat. Klo, Kühlschrank, Mama, Lili. Sein Smartphone verwendet Frank als Tagebuch, und es ist recht gnadenlos, als sein kleiner Sohn ihn fragt, ob er es haben darf, wenn Frank es dann nicht mehr brauchen wird.

Ein seltener Gast auf der Kinoleinwand, dieser Tod. Die ‚Geschichten aus dem Leben‘ – Romantik bleibt aus, kein rettender Kitsch, der es einfacher zu ertragen machen würde. Auch kein drückendes Sozialdrama, das einem ermöglicht, die nötige Distanz zu den Figuren zu wahren. Nur sehr reales Sterben, das nicht weggesperrt wird. Schöne Gratwanderung.

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