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DVD-Tipp: Die Kriegerin

3. März 2013 • Film / TV2 Kommentare

Die ostdeutschen Nazis und deren ausufernder Hass gegen Ausländer, Politiker, den Kapitalismus, die Polizei und vieles mehr. Das Thema von David Wnendts Film ist unverhofft ziemlich aktuell geworden. Marisa trägt die obligatorische Feather-Cut-Frisur, ein Hakenkreuz ist auf ihr Schlüsselbein tätowiert, auf dem Unterarm steht ’14 words’; eine verschleiernde Art und Weise, das zu sagen: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Wnendt hat aus seinen Recherchen in der rechten Szenen einen Prototypen einer Neonazi geformt.

Ihr Freund ist das Alphamännchen, zusammen mit einer willkürlich erweiterbaren Gruppe anderer trostloser Glatzen ziehen sie durch die Gegend wie laufende Ausrufezeichen; Rasierklingen, die alles aufschneiden, was sie wollen. Ihren Opfern halten sie ihre Handykamera vors Gesicht, während sie auf sie einprügeln. Mädchen sind vermehrt dabei, bei den schlagenden Radaubrüdern, obwohl sie in Summe trotzdem die absolute Minderheit ausmachen. Marisa ist in ihrer Clique auch das einzige laute Mädchen; neben der stummen Grete, die eigentlich Melanie heisst, bevor Svenja zu der Gruppe dazustößt.

Die Vision vom Holocaust reloaded

Die fühlt sich gefangen bei ihrer kindlichen Mutter und ihrem Stiefvater, der den Nazis an Autoritarismus nichts nachsteht. Nur Ideologie gibt es in Svenjas Haus eine andere, und die lautet Arbeit. Svenja ist 15 und voller Verachtung für ihr bürgerliches Elternhaus. Die Neonazis findet sie cool, weil sie wohl konträrer dazu nicht sein könnten. Sie saufen und kiffen, vermöbeln und schikanieren wen auch immer sie wollen, und fühlen sich als wertvoll und wichtig, ja als die wertvollsten und wichtigsten, und das auch ohne Schulzeugnisse.

Während Svenja in den Sog gerät, driftet Marisa ab. Über zwei junge Afghanen auf der Durchreise nach Schweden gerät sie so in Rage, dass sie deren Moped mit ihrem Auto von der Straße stößt. Das Erlebnis läutert sie allmählich; auch als ihr Freund aus dem Gefängnis entlassen wird, will ihr Weltbild nicht wieder zu dem werden, was es zuvor war. Die Geschichte ist schnell erzählt. Darüber hinaus ist ‘Die Kriegerin’ für die klischeefreie Schilderung der Perspektivenlosigkeit rechter Ideologien sehenswert, während der er trotzdem zu unterhalten weiß. Ein Blick auf das Milieu mit Realismus und Aufklärung, aber ohne pädagogischen Auftrag.

Die strammen deutschen Kriegerinnen sind eine verrohte Horde Grobiane, die sich in Tarnfarben unter den spitzen Schreien eines aufgedunsenen Altnazis im Landschaftsschlamm der deutschpolnischen Grenzregion wälzen Krieg spielen. Kennt man ja. Den großen, eingebildeten Kriegszustand ziehen sie den vielen kleinen, realen Kriegen vorziehen, die das Leben so mühsam machen: die Trostlosigkeit zuhause, die langweiligen Jobs, die öde Brandenburger Steppe, die sie umgibt. Leider geht es aber nur darum: letzten Endes ist es nicht der große nationale Widerstand, der der Kriegerin zum Verhängnis wird, sondern der radikale Bruch in ihren persönlichen Beziehungen.

David Wnendt hat seinen Film gut recherchiert, darum bleiben auch die deutsch-österreichischen Verbindungen der ultrarechten Szene nicht unerwähnt. Dafür sollte man David Wnendt besonders dankbar sein: der großväterliche Altnazi, den er den jungen WutbürgerInnen zur Seite gestellt hat, spricht im breiten österreichischen Akzent. Fett und grindig sorgt er für die Indoktrinierung der nachkommenden Glatzengeneration via Behelfs-DVD: Juden töten, Frauen erniedrigen; alles wie gehabt.

Fast wie in einem schlechten Film. Dieser hier ist aber kein solch einer.

Maxi Lengger

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