Ab und zu greifen wir ins Bücherregal und lesen: diesmal Charlotte Roche's Schoßgebete.
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Kultur

© Piper Verlag

Charlotte Roche’s Schoßgebete

14. Juli 2013 • Kultur, Literatur3 Kommentare zu Charlotte Roche’s Schoßgebete

Elizabeth ist 33 und Mutter einer siebenjährigen Tochter, die sie mit ihrem Ehemann, dem Stiefvater des Kindes, gemeinsam erzieht. Gegessen wird nur Bio und kein Fleisch, gewaschen so wenig wie möglich – die Umwelt spielt eine große Rolle im Leben der Protagonistin. Ihr Verhalten in Bezug auf die Umwelt kann sie kontrollieren, und Kontrolle ist wichtig, seitdem sie einmal die Kontrolle verloren hat. 

Elizabeth’s Brüder sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie ihr Brautkleid zur Hochzeit nach England brachten. Das Kleid war zu groß, um es in einen Koffer zu stecken, deswegen transportierte es die Mutter, die schwer verletzt überlebte, mit dem Auto, in dem die Kinder verbrannten. Die Kette, Elizabeth’s something old für die Hochzeit, der sie neben sich selbst abergläubisch die Schuld an dem Unfall gibt, liegt im Keller vergraben, wo sich die überlebende Elizabeth jeden Tag vor ihr und ihrem zerstörerischen Potenzial fürchten kann.

Seitdem lebt sie tagtäglich mit der Möglichkeit zu sterben, selbstgewählt, soviel ist klar, hoffentlich. Auf keinen Fall darf sich wiederholen, was schon einmal passiert ist, und womit die Mutter Elizabeth’s Leben nachhaltig zerstört hat. Sie muss ihre Familie beschützen, nicht wie die Mutter, die versagt hat, als sie auf der Autobahn frontal und ohne den Funken einer Chance in einen von der Gegenfahrbahn geschleuderten Benzintanker fuhr. Mitnehmen in den eigenen Tod möchte sie die Journalisten der Druck-Zeitung, die sie nach dem Unfall anriefen, um eine Stellungnahme der traumatisierten Frau zu bekommen. Die sich ans Krankenbett der schwer verletzten Mutter schlichen, um die stark betäubte Frau, von der man versuchte, den Tod der Kinder fernzuhalten bis sie gesundheitlich das Schlimmste überstanden hat, mit falschen Angaben zu einem Interview zu bewegen. Bis dorthin gelangten sie, weil der Onkel, der dran war, die Kranke zu betreuen, Kaffee trinken gegangen war. Wenn Elizabeth nicht alles selbst macht, gelingt nämlich nichts. Sie kann sich auf niemanden verlassen.

Der Unfall macht sie zur Pflegerin der Mutter, die nicht alleine sein darf, wenn die Medikamente nachlassen und die toten Kinder Realität werden. Sie kümmert sich, die Bedürfnisse der Mutter müssen gedeckt sein, was ihr so gut gelingt, dass sie vergisst, ihre eigene Trauer zuzulassen. Über die Hochzeit, die ins Wasser gefallen ist, die Liebe zu dem Mann, die das Unglück nicht überdauerte, und die verlorenen Geschwister, von denen sie sich vorstellt, dass sie alleine im belgischen Wald nahe der Unfallstelle leben, weil nichts von ihnen übrig geblieben ist, und Elizabeth deswegen hoffen darf, dass sie nicht wirklich gestorben sind. Und die Mutter, die zugedröhnt im Krankenbett scherzt, Elizabeth und ihr Verlobter müssten schnell drei Kinder bekommen, um die Lücke zu füllen.

Aber die Lücke ist da, der Tod fortan allgegenwärtig, und die Aufgabe zu groß, selbst für Elizabeth, die sonst immer allen gefallen und alles schaffen muss. Die Einsicht in die Überforderung ist wiederum zu schmerzhaft, und der Zusammenbruch des Bildes der Übermutter nicht zu ertragen. Sie bricht den Kontakt zu ihrer Familie ab und lenkt ihre Energien und Ängste auf ihre neue Kleinstfamilie, mit dem Kind des Ex-Verlobten, das in der letzten Nacht der beiden nach dem Unfall gezeugt wurde. Und mit dem neuen Mann, der Liebe ihres Lebens, der Sicherheit bieten kann, für die Zeit, die sie noch am Leben zu sein gedenkt. Die wichtigste Frau in ihrem Leben wird die Therapeutin Agnetha, die ihr die Hilfe bietet, die sie braucht.

In diesem Setting versucht Elizabeth, das langweiligste Elternhaus der Welt für ihre Tochter zu bauen, damit diese ihm irgendwann vor lauter Langeweile getrost den Rücken kehren kann. Genau dasselbe hat Elizabeth selbst bis heute nicht geschafft. Ihre Mutter ist regelmäßig gegangen, wenn sie genug von einem Mann hatte, und der Vaterkomplex, den die Tochter daraus mitgenommen hat bildet, das weiß sie, das Fundament ihrer Liebesbeziehung. Was sie nicht weiß, ist, dass es eine Beziehung nach dem Brauchen geben kann, ohne emotionaler Abhängigkeit. Solange es diese noch gibt, macht sie den Spagat zwischen Heiliger und Hure. An der empfundenen Unvereinbarkeit dieser beiden Identitäten gibt sie ihrem feministischen Über-Ich die Schuld, eine Rolle, die sich Alice Schwarzer mit der Mutter der Protagonistin teilen darf.

Elizabeth ist Charlotte Roche, die Druck-Zeitung ist die BILD, und die Geschichte und das Trauma sind wahr. Während in Feuchtgebiete alle Welt die Hygienevorstellungen von Charlotte Roche reinlesen wollte, ist dieses Buch laut der Autorin rein autobiographisch. Wir lernen eine Frau kennen, die mit unseren Vorstellungen von ihr so gar nicht zusammen passt, die nicht mal masturbiert, und sich obendrein traut, das zu sagen. Die Bordellbesuche mit ihrem Mann sind ein Versuch in der Rolle der Hure, Monogamie nicht zum Ausschlusskriterium ihrer Beziehung werden zu lassen und trotzdem für immer zusammen zu bleiben, während sie den Mut sammelt, dieselbe Freiheit für sich einzufordern.

Weder das Buch noch Charlotte Roche leben von Sex. Für die Protagonistin fungiert Sex lediglich als Ventil, als der einzige Zustand, in den sie gebracht werden kann – sie tut es nämlich nicht selbst – in dem ihr Kopf leichter ist als sonst. Für die Tatsache, dass sie dieses Tabu einer total modernen und gleichberechtigten Welt zum Fraß vorwirft, muss man sie nicht schimpfen. Die Unterwürfigkeit, die sie Alice Schwarzer und ihresgleichen unterstellt, ihr vorzuwerfen, besteht in der Tat, allerdings in ihrer Person und ihrer Sozialisierung. Das Gefühl der Verfolgung durch diesen Vorwurf wird sich nicht im Bett auflösen, es ist auch nicht dort entstanden, sondern lediglich ein Austragungsort, in dem sich Machtverhältnisse und Ängste besonders deutlich zeigen.

Charlotte Roche’s Tochter muss sich langweilen im spiessigen Elternhaus, weil die Autorin sich für sich selbst nichts sehnlicher wünscht, als ein Elternhaus, in dem man sich auf Abläufe und emotionale Bindungen verlassen kann und sich dabei in aller Ruhe gründlich langweilen. Sie hat alles Recht, ihre Mutter für deren forciert emanzipierten Egoismus zu verteufeln, aber auch sie handelt nur im Affekt. Auch Charlotte Roche baut ein Elternhaus auf ihren Sehnsüchten auf und Alice Schwarzer hat Recht, wenn sie in ihrem offenen Brief an Charlotte Roche schreibt, dass dies nur eine Neuauflage der fatalen Wechselwirkung ist, die aus der Reaktion auf die eigene Mutter entsteht und die die Geschichte zwischen Müttern und Töchtern und der Frauenbewegung traurigerweise zu bestimmen scheint.

Charlotte Roche hat ein sehr ehrliches Buch über Beziehungen, Frausein und Todesangst geschrieben, bei dem klar wird, dass sie es ernst meint, wenn sie sagt, dass ihre Therapeutin ihr schon oft das Leben gerettet hat. Sie hat, auch hier hat Frau Schwarzer Recht, ein Problem und nicht die Lösung, aber ihr Problem ist untrennbar mit der Generation von Frauen vor ihr verbunden, eine Tatsache, die wiederum für jene und deren Muttergeneration ebenso wahr ist. Gefangen in dem Bestreben, der Tochter eine gute Mutter zu sein und dem Mann eine Ehefrau, die ihn so sein lässt, wie er ist, ohne dabei die Selbstaufgabe zu riskieren, sind sich die Feministinnen der ersten und der momentanen Welle, und allen, die dazwischen lagen, gar nicht so fremd, wie es zwischenzeitlich scheinen mag. Wir sind in der Erprobung anderer Lebensformen für Frauen, Männer und Liebesbeziehungen nicht so weit, wie wir möchten, und der Ärger über Autorinnen wie Charlotte Roche scheint sich daran zu speisen, dass diese ebendas sichtbar machen. In ‚Schoßgebete‘ ist Charlotte Roche schwächer, als man sich das wünscht, sie dafür anzufeinden, sagt alles über die LeserInnen und nichts über die Autorin. Jene ist nicht zuletzt auch post-fast forward eine humorvolle Person, deren mutiges Buch stellenweise ausgesprochen lustig ist.

Was bedeutet das alles für uns? Niemand muss sich zwischen Charlotte Roche und Alice Schwarzer entscheiden. Letztere ist für die junge Autorin genauso schlichtweg eine Projektionsfläche, wie Charlotte Roche das für jene ist, die in ihrem Buch die schlüpfrige und vor dreckigem Sex strotzende Geschichte einer allzeit jugendlichen Berufsbespaßerin des deutschsprachigen Raums lesen wollen.

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3 Antworten auf Charlotte Roche’s Schoßgebete – Verstecken

  1. Bvalk sagt:

    Interessante Kritik
    Vielleicht les ichs ja doch noch…

  2. martha sagt:

    mein urteil…
    meine erwartungen wurden nicht erfüllt. das buch ist absolut kein guter nachfolger von "feuchtgebiete". und ich stehe auch nicht alleine da mit meiner enttäuschung, denn viele zeitungen finden, dass das buch viel zu schnell rausgekommen ist – reinste geldmacherei mit ihrem namen und dank letzten buch.

  3. caro sagt:

    schade!
    ich bin auch ein enttäuschter fan 🙁

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