Kultur

Carl Weissner im Gespräch

Carl Weissner: ein Nachruf

25. Jänner 2012 • Kultur

Carl Weissner, der legendäre Autor und Übersetzer von Bukowski, Ginsberg, Burroughs und Dylan, wurde gestern tot in seiner Wohnung gefunden. Ein Nachruf.

„Herrje, soviel hab ich geredet?“, schrieb mir Carl Weissner vor wenigen Monaten, als ich ihm das Transkript unseres ausführlichen Gesprächs (hier nachzulesen) schickte. Weissner war gerade für eine Lesung anlässlich der Veröffentlichung von „Die Abenteuer von Trashman“ in Wien. Wir trafen uns bei seinem Verlag und haben in den vierzig Minuten, die wir zusammengesessen sind, über Gott und die Welt geredet, über Bukowski und Molotowcocktails, über Kerouac und Bebop, über gewalttätige US-Polizisten die auf Studenten schießen, über Epizentren, eben über Tod und Teufel.  Weissner hat erzählt, wie er geschrieben hat, pointiert, assoziativ, auf den Punkt.

Das Lakonische, Musikalische, Notwendige in der Sprache.

Übersetzerdeutsch, mit dem ganze Romane zerstört werden hat er gehasst, solche Leute gehören vors Gericht und nicht prämiert, meinte er. Weissner brillierte – sowohl in seiner eigenen Schreibe als auch in seinen Übersetzungen – mit seiner Musikalität im Umgang mit Sprache, mit seinem Gespür für das Lakonische, Notwendige, Gezielte.

„Die Abenteuer von Trashman“ war sein zweiter Roman, der er auf Deutsch veröffentlicht hat, den Anfang machte ein Jahr zuvor „Manhattan Muffdiver“. Er hätte eben nicht mehr ewig Zeit, meinte Weissner in einem Interview, insofern machte es Sinn, auch mal was auf Deutsch zu veröffentlichen. Auf Englisch tat er das ja seit Dekaden, galt als einer der Pioniere der Cut-Up Technik, veröffentlichte gemeinsam mit Burroughs in Magazinen. Bekannt geworden ist er natürlich als Übersetzer von Bukowski, er war auch in ganz Europa Bukowskis Agent, der einzige, der einen Autor auf einem ganzen Kontinent vetrat. Bukowski verdankte Weissner nicht nur großartige Übersetzungen, sondern auch seine große Bekanntheit hierzulande. Das alles ist wunderbar in Briefwechseln zwischen Carl und Buk dokumentiert.

Von Bukowski das Dialogschreiben gelernt, von Burroughs das sich bei anderen bedienen.

1968 lebte Weissner in den USA und pflegte engen Kontakt zu den „Schwergewichten“, wie er sie nannte. Von Bukowski, so Weissner, hatte er das Dialogschreiben gelernt, von Burroughs das sich bei anderen Autoren bedienen (wieder: siehe Cut-Up). Literatur, die ihn nach den ersten paar Zeilen nicht fesselt, wäre Zeitverschwendung. Weissners Literatur war keine Zeile Zeitverschwendung.

Ich habe seit dem Gespräch noch ein paar Mal mit ihm telefoniert, ein paar Mails geschrieben. In der letzten wollte er irgendetwas wegen einem Sendetermin wissen, ich habe ihm geantwortet, dass ich nicht mehr bei jenem Sender arbeite, mich aber schon darauf freue, ihn bald wiederzusehen. Dazu wird es leider nicht mehr kommen.

Carl Weissner, 1940 – 2012.


mit Carl, nach dem Interview im November.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, und ich bin auch sehr traurig, diesen Nachruf schreiben zu müssen. Und natürlich würde es sich in diesem Rahmen anbieten zu schreiben, dass ich hoffe, dass Bukowski und er jetzt das Jenseits ordentlich aufmischen, Carl & Hank Style. Als ich gestern davon erfahren habe, hatte ich zufällig eine alte Ausgabe von Bukowskis „Flinke Killer“ bei mir, übersetzt von Weissner.

In den Stiefeln zu sterben
während man ein letztes
Gedicht schreibt, ist
nicht so glorreich
wie hoch zu Roß den
Broadway hinunter zu
reiten mit einer Stange
Dynamit zwischen den
Zähnen, aber die Gesamtheit
aller Planeten, die der
Mensch geortet und benannt
hat, ist auch nicht viel
erhebender, und das Pferd
war ein Grauschimmel, der
Mann hieß Sanchez oder
Kandinsky, die Temperatur
betrug 25 Grad im Schatten
und die Kids rannten
hinter ihm her und
schrien: Hog, Hog,
wir haben es satt,
jag uns in die Luft!"

Mach’s gut, Carl.


Markus Brandstetter

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