Kultur – Musik

Violetta Parisini "Open Secrets"

CD-Kritik: Violetta Parisini „Open Secrets“

26. Jänner 2012 • Musik1 Kommentar zu CD-Kritik: Violetta Parisini „Open Secrets“

Mit „Open Secrets“ veröffentlicht Violetta Parisini am 24. Februar via Emarcy ihr Zweitlingswerk. Eine Empfehlung.

Parisini versus Nietzsche, oder: von der Glücksbegabung.

Parisini versus Nietzsche, Runde eins. Zweiterer, so die Presseinfo der studierten Philosophin, Djane und Sängerin/Songschreiberin, rechnet das Glücksstreben als Ausrichtung der Existenz (laut Nietzsche ja nicht unbedingt sonnig und generell nur durch Kunst zu ertragen) weniger dem rational denkenden Menschen zu, als dem Engländer. Was bei Nietzsche, dem alten Dampfhammer-Fragensteller ja soviel heißt wie: Wer ans Glück glaubt, ist ein Dolm. Dem tritt Violetta Parisini (31) mit ihrer Musik entschieden entgegnen, kontert ganz zurecht, dass Nietzsche auch nicht wirklich „glücksbegabt war“ – und legt uns ein Zweitlingswerk vor, das nicht nur eine Art Katharsis darstellt („Schlechte Gefühle müssen ausgedrückt werden, bevor es wieder gut wird“, so die Künstlerin), sondern in erster Linie vor allem eins ist: großartig. In medias res.

„Open Secrets“.

Ihr Erstlingswerk „Giving You My Heart To Mend“ (2010) war schon eine große Ansage. Eingängige, mitreißende und clevere Songs mit schlauen, vielseitigen Arrangements und einer ebensolchen Produktion (für die sich Parisinis Kreativpartner Florian Cojacaru auszeichnet), die bei aller Durchdachtheit nie in die Gefahr einer Verkopftheit abdrifteten. So eingängig, dass das durchaus auch für Formatradios denkbar wäre (anders formuliert: Formatradios wären gut daran beraten, das hier zu bringen); nie jedoch anbiedernd.

Entsprechend hoch sind meine Erwartungen an das neue Album, und entsprechend wenig überrascht und dennoch begeistert ist meine Reaktion nach dem ersten Hördurchgang. Denn Parisini hält ihr Versprechen vom ersten Album allemal, und legt noch eins drauf. Und das ordentlich. Aber alles der Reihe nach.

Sonnenschein macht noch keinen hellen Tag.

Ein moll-lastiges Glockenspiel eröffnet „More Than That“, und war es beim Debütalbum mit „Faces and People“ noch ein recht fröhlicher Track zur Eröffnung, ist „More Than That“ melancholisch, von der Stimmung her ähnlich dem wunderschönen „Time for Silence“ vom Vorgängeralbum. „I’ve had some sensitive days / you were on mind / and I know I might be on yours sometimes“, singt Parisini zu einem spärlichen Beat: „Your sadness gave me comfort / I thought I was the only one who mourns for things that can’t go on / feeling painfully different from everyone“. Sonnenschein allein macht den Tag noch lange nicht hell, das sind bittersüße Erkenntnisse, die hier verarbeitet werden. Parisini hinterfragt mit dem Hammer sich selbst.

„All Right“ ist von Parisinis Klavier getragen und hat dann wieder einer diesen eingängigen Refrains, jene, die sich so schon aufbauen, jene, in die man sich bei der ersten Platte schon verliebt hat. „All my best intention will not lead us over the rainbow / at least I don’t think so“, singt sie. Hier und da taucht ein Saxophon auf und verfliegt wieder, ein paar Streicher hier und da: Parisinis Musik hat eine Detailverliebtheit, einen Hang zur Soundfinesse inne, die Popmusik spannend und immer wieder entdeckenswert macht. Und obwohl uns auch die besten Intentionen nicht über den Regenbogen bringen, kommt plötzlich eine dringendliche Bassdrum rein, die das Ganze nach oben treibt und uns zumindest den Ausblick darauf gibt. „In the safety of illusion / I did not see it all slip away“.


Violetta Parisini 2012. Foto (c) Anita Schmid.

„He Knows“ ist dann auf Kontrabass und Saxophon-Akzente reduziert, ehe irgendwann, umgangssprachlich gesagt, ein Jazzbesen-Zeugl für den reduzierten Beat sorgt. Überhaupt ist vieles auf „Open Secrets“ noch ein wenig reduzierter als beim Vorgänger. „So Easy“, die erste Single, war ja vorab bereits erkannt, hier sind es pizzicato-gespielte Streicher, die Parisinis geschichtenerzählende Stimme tragen. Elf Tracks hat „Open Secrets“ ingesamt, und bleibt kurzweilig, eingängig, einprägsam. Und das elf Songs lang.

Summa summarum.

Glücksversprechen: eingelöst – Parisini eins, Nietzsche null. Echt jetzt, wenn das nicht sprichwörtlich abgeht wie Rakete, läuft irgendetwas gehörig falsch.  Oder, nochmal frei nach Fritz Nietzsche: Ohne dieses Album wäre 2012 ein Irrtum.

Markus Brandstetter

Where there’s music and there’s people and they’re young and alive.

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  1. w. sagt:


    schöne review.

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