Kultur

Cover Wir Tiere

Buchtipp: Wir Tiere

24. Oktober 2013 • Kultur

„Wir wollten mehr. Wir pochten mit den Stielen unserer Gabeln auf den Tisch, schlugen mit den Löffeln gegen die leeren Schüsseln; wir waren hungrig. Wir wollten mehr Krach, mehr Spaß. (…) Wir wollten Muskeln an unseren dürren Armen. Wir hatten Vogelknochen, hohl und leicht, und wir wollten mehr Dichte, mehr Gewicht. Wir waren sechs schnappende Hände, sechs trampelnde Füße; wir waren Brüder, Jungs, drei kleine Könige im Kampf um mehr.“

In kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln zieht Justin Torres seine Leser hinein in die unbarmherzige Dynamik einer jungen Familie, in der sich alle Mitglieder mit Leidenschaft lieben, aber ebenso wild und unkontrollierbar hassen, schlagen, sich wehtun und doch wieder zusammen finden. Die Eltern sind noch jung, der Vater ein stolzer Puerto Ricaner, die Mutter eine Weiße, das erste Kind kam, als sie erst 14 Jahre alt war. Die Nachbarn beäugen die gemischt-rassige Verbindung skeptisch, ebenso wie die drei Söhne im Alter zwischen 7 und 10 Jahren, die sich gerne mal benehmen „wie unerzogene Hunde“.

Aus der Perspektive des jüngsten, stets namenlos bleibenden Sohns, setzt sich nach und nach ein vielschichtiges Bild zusammen, in dem Liebe, Hass, Verzweiflung und Hoffnungsschimmer miteinander verschwimmen. So nimmt der Vater die ganze Familie nachts mit zum Schwimmen, wobei seine Frau und der Ich-Erzähler beinahe ertrinken, weil der Vater sie mitten auf dem See alleine lässt; ein andermal wagt die junge Mutter einen Ausbruchsversuch, packt die Kinder in den verhassten Pick-Up und fährt davon, nur um am nächsten Morgen reumütig zurückzukehren.

Doch durch alle Hindernisse und Verwerfungen liegt unter allem ein tiefer, inniger Zusammenhalt, der sich sprachlich in der lange konsequent verwendeten „Wir“-Form widerspiegelt. Die drei Brüder, so unterschiedlich sie sind, sind eine verschworene Einheit, ein dreiköpfiges, vielarmiges Wesen, das sich nur so behaupten kann. Doch allmählich zeigen sich Risse in dieser Gemeinschaft – nach und nach streut Torres Hinweise, dass der kleinste der drei Brüder anders ist. Er ist stiller, nachdenklicher, die Eltern hegen große Hoffnungen und Erwartungen – jedoch, es wird alles anders kommen, wenn die Pubertät naht und in dem Jungen Bedürfnisse erwachen, die in der Lebenswelt dieser Familie nicht vorkommen und das dicht geknüpfte Gefüge zum Zerreißen bringen …

Mit seinem Debut „Wir Tiere“ ist Justin Torres zur neuen jungen Stimme der US-amerikanischen Literatur avanciert, Kritiker feiern einstimmig die raue, emotionale Sprache dieses ungewöhnlichen, rätselhaften Coming of Age-Romans. Der kurze, schnelle Rhythmus von Torres‘ Sprache fängt den ständigen Hunger, die Unersättlichkeit der Brüder, die wissen, dass es für sie kein Entrinnen aus den eigenen Verhältnissen gibt, kongenial ein und treibt die Handlung unerbittlich voran. Nichts und niemand, so denkt man, kann dieser dysfunktionalen, aber doch verschworenen Gemeinschaft etwas anhaben; und so wird man am Ende überraschend und schmerzhaft eines Besseren belehrt. Selten steckt in einem so schmalen Roman soviel Sprengkraft – ein unbedingter Lesetipp für den Herbst!

Justin Torres
Wir Tiere
dva, 17,50 €

Cover (c) dva
Porträt (c) Simon Koy

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