Kultur

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Buchtipp: White Man

14. März 2013 • Kultur

Ein Abenteuer. Einfach mal die Seele baumeln lassen. Das wär’ doch mal was anderes. Ein bisschen Exotik genießen.

Mit diesen naiven Vorstellungen brechen Thomas und Cathrine auf zu einem Urlaub in die Karibik. Doch die Realität sieht anders aus: Schon die Anreise ist beschwerlich, vor Ort trennen reale Mauern und Mauern in den Köpfen die weißen Urlauber von den schwarzen Einwohnern. Vor allem Thomas fühlt sich zunehmend unwohl: Hinter jedem Seitenblick wittert er eine unbestimmte Bedrohung, während eines Restaurantbesuchs reagiert er aggressiv auf vermeintliche Attacken einer Gruppe Jugendlicher. Seine Unsicherheit gipfelt in einer Auseinandersetzung mit einem Inselbewohner im Ferienhaus – Thomas ersticht den jungen Mann.

Während Thomas und Cathrine zurück in Norwegen nicht nur die Geschehnisse verarbeiten müssen und ihre gesamte Beziehung in Frage gestellt sehen, gibt Autorin Sarah Johnsen nun dem halbwüchsigen Joseph eine Stimme.

Dieser rekapituliert die Ereignisse der letzten Wochen aus seiner Sicht, und es ergibt sich ein ganz anderes Bild: Joseph, Sohn eines ehrgeizigen Politikers, klug, schüchtern und nachdenklich, hat sich rettungslos in die deutlich ältere Engländerin Susan verliebt, die ihre Urlaube seit Jahren auf der Insel verbringt. Diese Beziehung beginnt mit großen Gefühlen, endet für Joseph aber tragisch, als sich Susan plötzlich von ihm trennt. Seine Trauer wird zu einem destruktiven Strudel. Als Joseph auf Cathrine trifft, wird sie zur Projektionsfläche für seine angestaute Wut, die ihn alle Vorsicht vergessen lässt und ihn in das Ferienhaus von Thomas und Cathrine führt …

Sarah Johnsens klug strukturierter Roman ist viel mehr als die Anatomie eines Verbrechens. Er ist ebenso eine Auseinandersetzung mit dem, was Vorurteile, Nichtwissen bzw. Nichtverständnis anrichten können – und dabei auch ein Plädoyer für Menschlichkeit im Angesicht von Gewalt und Verunsicherung. Johnsens Protagonisten sind komplexe Charaktere, die sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zeichnet, jedoch nie verrät, über sie urteilt oder das Mitgefühl für sie verliert. Mit unerbittlicher Präzision verzahnt sie die Leben und Perspektiven von Thomas, Cathrine, Joseph und Susan und führt sie mit dramaturgischem Geschick zusammen. Mit „White Man“ gelingt ihr ein Stück beklemmende, psychologisch fein gezeichnete Literatur, die nach der letzten Seite noch lange nachwirkt.

Sarah Johnsen
White Man
mare, € 20,50

Foto (c) Cover mare

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